"Zu alt, zu teuer und weiblich"

9. März 2007, 08:41
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Gleichbehandlungs­anwältin Ingrid Nikolay-Leitner im STANDARD-Interview über Frauendiskriminierung und Gerechtigkeit beim Friseur

Bei Frauendiskriminierung – etwa in Sachen Löhne oder Alter – werde immer noch gern weggeschaut, kritisiert Gleichbehandlungsanwältin Ingrid Nikolay-Leitner. Im Gespräch mit Irene Brickner fordert sie darüber hinaus Gender-Gerechtigkeit beim Friseur ein.


Standard: Frau Nikolay-Leitner, wenn Sie Ihre bisher 16 Jahre als Gleichbehandlungsanwältin Revue passieren lassen: Welcher Erfolg fällt Ihnen als erster ein?
Nikolay-Leitner: Dass es im Kampf gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu großer Sensibilisierung gekommen ist. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Standard: Was kommt bei der Frau-Mann-Gleichbehandlung als Nächstes auf uns zu?
Nikolay-Leitner: Der Diskriminierungsschutz auch außerhalb der Arbeitswelt, also bei Dienstleistungen (siehe Wissen). Einer meiner ersten Fälle 1991 war der einer Frau, die bei der privaten Krankenversicherung eineinhalb Mal mehr Beitrag zahlen musste als ein Mann – wegen des Schwangerschaftsrisikos. Damals konnte ich ihr nicht helfen.

Standard: Der Dienstleistungsbereich ist ein weites Feld: Mit welchen Fällen rechnen Sie?
Nikolay-Leitner: Ein heißer Tipp sind die Preise fürs Haareschneiden. Es ist nicht einzusehen, dass Frauen da mehr als Männer bezahlen müssen.

Standard: Zuletzt wurde das Gleichbehandlungsgesetz 2004 novelliert. Zu Tatbeständen der Mann-Frau-Ungleichbehandlung kamen etwa solche ethnischer Diskriminierung hinzu. Hat das Ihre Arbeit verändert?
Nikolay-Leitner: Sowohl die Arbeit als auch meine Einstellung. Zu Beginn war ich skeptisch, der erste Entwurf für das novellierte Gleichbehandlungsgesetz war rein männlich formuliert – also fürchtete ich, die Geschlechterfrage könnte ins Hintertreffen geraten. Aber mittlerweile hat sich herausgestellt, dass es Vorteile hat, in einer einheitlichen Institution zu arbeiten.

Standard: Warum?
Nikolay-Leitner: Weil dadurch auch bei den neuen, etwa rassistischen Sachverhalten die Genderfrage mit berücksichtigt wird. Für die verschiedenen Tatbestände muss es aber weiterhin Spezialistinnen und Spezialisten geben, sonst nehmen Frauen die Gleichbehandlungsstelle nicht mehr als ihre Institution wahr. Und damit hätten sie Recht, weil Frauendiskriminierung allgemein als weniger wichtig gilt als Benachteiligung aus anderen Gründen. Dabei sind Frauen oft von Mehrfachdiskriminierung betroffen.

Standard: Wo zum Beispiel?
Nikolay-Leitner: Etwa bei der Altersdiskriminierung im Job: Zu alt, zu teuer und weiblich passt gut zusammen. Auch beim Thema sexuelle Orientierung hatten wir neben Männern Frauen, die vermuteten, benachteiligt worden zu sein.

Standard: Ist es nicht schwer, eine solche Vermutung glaubhaft zu machen?
Nikolay-Leitner: Außer bei Diskriminierung beim Einkommen ist das immer schwer – da kommt es dann aufs Kämpfen an. Wer Benachteiligung wegen der sexuellen Orientierung namhaft macht, muss sich außerdem outen. Aber Frauen outen sich auch sonst nicht gern...

Standard: Outen als wer oder was? Es ist doch eindeutig, dass sie Frauen sind?
Nikolay-Leitner: Schon, aber es ist ihnen oft sehr unangenehm, geltend zu machen, dass sie etwa einen beruflichen Aufstieg nicht geschafft haben, weil sie Frauen sind. Es ist unangenehm, zu den Diskriminierten zu zählen.

Standard: Stichwort Einkommensschere: Was könnte helfen?
Nikolay-Leitner: Es müsste gesetzliche Gleichstellungsbestimmungen für Betriebe geben. Etwa, dass Firmen ab einer gewissen Größe zu einem Gleichstellungsplan bei den Hard Facts, den Einkommen und Führungspositionen, verpflichtet werden.

Standard: Freiwillig tun sie das nicht?
Nikolay-Leitner: Freiwilligkeit funktioniert nur vor dem Hintergrund gesetzlicher Bestimmungen. In Schweden hatte die Einführung von Gleichstellungsbestimmungen die Folge, dass die Unternehmen erst einmal erheben mussten, was Männer und Frauen verdienen. Die meisten Firmen führen keine solche Statistik. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.3. 2007)

WISSEN

Der Auftrag, Frauen und Männer in der Privatwirtschaft gleich zu behandeln, existiert in Österreich seit Einführung des gleichnamigen Gesetzes 1979 – die dazugehörige Gleichbehandlungsanwaltschaft wurde im Jahr 1991 gegründet. 2004 wurden Auftrag und Gesetz durch eine neue EU-Richtlinie novelliert. Zwei zusätzliche Gleichbehandlungsanwältinnen in derselben Institution kümmern sich seither um Benachteilungen aus rassistischen und Altersgründen, aufgrund der sexuellen Orientierung sowie Religion und Weltanschauung. 2005 kamen 4418 Personen in die Gender-spezifische Beratung. (red)
  • Ingrid Nikolay-Leitner übernahm 1991 unter reger öffentlicher Aufmerksamkeit die Gleichbehandlungsanwaltschaft für die Privatwirtschaft. Die Juristin ist auch gewerkschaftlich engagiert. Die Erfolge gegen sexuelle Belästigung im Job kamen für Nikolay-Leitner überraschend.
    foto: standard/regine hendrich
    Ingrid Nikolay-Leitner übernahm 1991 unter reger öffentlicher Aufmerksamkeit die Gleichbehandlungsanwaltschaft für die Privatwirtschaft. Die Juristin ist auch gewerkschaftlich engagiert. Die Erfolge gegen sexuelle Belästigung im Job kamen für Nikolay-Leitner überraschend.
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