Edith Tutsch-Bauer

13. März 2007, 20:31
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"Was soll an Toten grausig sein? Was wäre anders? Bin ich deshalb ein anderer Mensch?" - Gerichtsmedizinerin im Porträt

Die Leiterin der Salzburger Gerichtsmedizin hält ihren Beruf für "unspektakulär" und versteht nicht, was an Toten "grausig" sein soll.

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Lisa Fitz in der Rolle der Gerichtsmedizinerin war "grottenschlecht, das war schon Körperverletzung". Edith Tutsch-Bauer kann das beurteilen, schließlich ist sie Gerichtsmedizinerin. Egal ob "Die Gerichtsmedizinerin" oder "Post Mortem", noch keine TV-Serie habe ihre Arbeit "aus der Gruselecke" geholt. Mal ganz davon abgesehen, dass der Job im wirklichen Leben "total unspektakulär" und deshalb "nicht fernsehtauglich" sei, merkt sie nüchtern an.

40.000 Leichen obduziert

Die Leiterin des gerichtsmedizinischen Institutes der Universität Salzburg hat in ihrem Berufsleben schon 40.000 Leichen obduziert oder dabei assistiert. 20 Jahre tat sie dies an der Uni München, seit 1998 in Österreich. Schlecht geworden sei ihr bei dieser von vielen als "gruselig" empfundenen Tätigkeit noch nie. "Wem geht es denn schlecht, wenn die Kinder, die beim Unglück von Kaprun ums Leben gekommen sind, identifiziert wurden. Doch wohl nur den Angehörigen", meint die 54-jährige kinderlose Medizinerin. Wenn Eltern anrufen und wissen wollen, ob der Sohn oder die Tochter schnell gestorben sei oder leiden musste, nur dann gehe es auch ihr elend.

Aber sonst? "Was soll an einem Toten grausig sein?", frage sie immer ihre Studenten: "Was wäre anders als noch vor zwei Minuten, wenn ich jetzt hier im Hörsaal tot umfallen würde. Bin ich deshalb ein anderer Mensch?"

"Gerichtsmedizinische Herausforderung"

Ob Tauerntunnelunfall, Kaprun, Tsunami oder der Einsturz der Eishalle in Reichenhall, jedes Mal war Tutsch-Bauer im Einsatz. Für die Exhumierung von Opfern in Massengräbern in Serbien meldete sie sich ohne zu zögern. Nicht "politisches Sendungsbewusstsein", sondern die "gerichtsmedizinische Herausforderung" war ihr Motiv. Dass die gebürtige Oberpfälzerin ihren "Beruf bewusst ausgewählt hat", daran besteht kein Zweifel. Jegliche Emotionalität blendet sie dabei aus, das wirkt fast abgebrüht. Doch eben nur fast.

Das wahre Ausmaß des Tsunami

"Ich erinnere mich genau, es war der 6. Jänner als ich auf Sri Lanka über Land gefahren bin. Da wurde mir das wahre Ausmaß des Tsunami bewusst." Daheim organisierte sie mit zwei Freundinnen ein Hilfsprojekt. 180.000 Euro sammelten sie, um ein neues Dorf aufzubauen. Mit den Freundinnen macht sich diese Woche Urlaub in La Palma, "ganz langweilig, viel lesen". Verglichen mit ihren üblichen Destinationen dürfte die Beschreibung des "Weiber-Urlaubs" zutreffen. Sonst bereist sie gemeinsam mit einem Bergführer aus Südtirol, ihrem "Zwilling, der am selben Tag wie ich geboren wurde", entlegene Länder wie die Mongolei oder die Halbinsel Kamtschatka. (Kerstin Scheller, DER STANDARD Printausgabe 8.3.2007)

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    foto: standard/ uni salzburg

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