Frühjahrsmüdigkeit oder Unterfunktion?

8. März 2007, 10:36
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Jeder Dritte hat im Laufe seines Lebens Probleme mit der Schilddrüse - die Unterfunktion steigt mit zunehmendem Alter - ein Expertengespräch

derStandard.at: Welche Symptome lassen an eine Unterfunktion denken?

Lind: Beschwerden, die typisch für eine Stoffwechselreduktion sind. Dazu gehören unter anderem Müdigkeit, Gewichtszunahme, Schwellung der Augenlider, Verstopfung, langsamer Herzschlag und ein vermehrtes Schlafbedürfnis.

derStandard.at: Was ist die häufigste Ursache der Schilddrüsenunterfunktion?

Lind: Beim Erwachsenen ist die Hauptursache eine Autoimmunerkrankung, die so genannte Hashimoto-Immunthyreopathie. Bei dieser Autoaggressionserkrankung richtet das Immunsystem Antikörper gegen die eigene Schilddrüse, weil sie plötzlich der Meinung ist, das es sich um ein fremdes Organ handelt. Die Folge ist eine verminderte Produktion der Schilddrüsenhormone.

derStandard.at: Und bei Kindern?

Lind: Eine angeborene Schilddrüsenunterfunktion der Neugeborenen gibt es praktisch nicht mehr. Jedes Neugeborene in Österreich wird heute gescreent, indem man das Fersenblut auf Schilddrüsenhormone untersucht.

derStandard.at: Wozu braucht die Schilddrüse Jod?

Lind: Jod ist ein Baustoff für die Produktion der Schilddrüsenhormone. In Österreich war früher die häufigste Ursache der Schilddrüsenunterfunktion und des Kropfes der bestehende Jodmangel in der Bevölkerung. Das lässt sich einfach erklären: Bereits ein geringer Jodmangel führt dazu, dass die Schilddrüse zu wenig vom Schilddrüsenhormon T4 produziert. Die Hypophyse registriert das und versucht diesen niedrigen T4-Spiegel zu erhöhen indem sie mehr TSH (Thyreoida-stimulierendes Hormon) produziert.

Die Hypophyse fordert so die Schilddrüse auf zu wachsen und Schilddrüsenhormone zu produzieren. Ist der Jodmangel moderat, dann bleibt es bei der Kropfbildung. Das heißt die vergrößerte Schilddrüse gleicht den drohenden Hormonmangel aus. Ist der Jodmangel sehr ausgeprägt, dann entsteht zusätzlich eine Unterfunktion der Schilddrüse. In Österreich wird Speisesalz seit 1963 jodiert.

derStandard.at: Aber ist nicht gerade die Jodierung des Speisesalzes der Grund, dass es heute so viele Hashimoto-Immunthyreopathien gibt?

Lind: Das stimmt und man kann das auch leicht nachvollziehen. In Japan gibt es diese Erkrankung schon lange, weil dort die Jodzufuhr extrem hoch ist. In Deutschland ist das der Grund, warum man sich noch nicht zur Speisesalzjodierung durchgerungen hat.

derStandard.at: Mit Jod: Hashimoto-Immunthyreopathie - Ohne Jod: Kropf. Was ist das geringere Übel?

Lind: Volkswirtschaftlich gesehen ist der Hashimoto das geringere Übel. Kröpfe muss man operieren und mit Radiojodid therapieren. Mit der Speisesalzjodierung haben wir in Österreich 80 Prozent der Kröpfe reduziert.

derStandard.at: Und aus medizinische Sicht? Ist ein Kropf gefährlich?

Lind: Im Kropf entsteht häufiger Krebs. Vor allem schlechter behandelbare Schilddrüsenkrebsformen, wie follikuläre Karzinome. Seit der Jodierung überwiegen papilläre Karzinome der Schilddrüse und die sind heilbar. Außerdem kann im Kropf auch eine Schilddrüsenüberfunktion entstehen, indem sich besonders fleißige Zellen verselbständigen.

Diese Zellen reproduzieren sich selbst und bilden sogenannte "heiße Knoten". Man nennt diese toxischen Knoten auch autonome Adenome. Sie erzeugen durch die ständige Stimulation durch die Hypophyse laufend Schilddrüsenhormone.

derStandard.at: Was sind "kalte Knoten"?

Lind: Die Bezeichnung "heißer" oder "kalter Knoten" ist rein szintigrafisch. (Anm: Darstellung der Verteilung radioaktiver Substanzen im Organismus) Im "kalten Knoten" funktioniert die Schilddrüsenhormonproduktion nicht. Theoretisch kann das ebenfalls in eine Hypothyreose führen, wenn mehrere kalte Knoten vorhanden sind und der Rest der Schilddrüse nicht mehr in der Lage ist die Hormonproduktion aufrecht zu erhalten.

derStandard.at: Was ist eine Szintigrafie?

Lind: Bei dieser nuklearmedizinischen Untersuchung wird radioaktive Substanz in eine Vene gespritzt, um den Jodstoffwechsel in der Schilddrüse nachzuahmen. In einem "heißen Knoten" reichert sich das Radionuklid stark an, im "kalten Knoten" gar nicht. Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse macht das Szintigramm nur in der Erstabklärung Sinn. Für den Verlauf dieser Erkrankung braucht man diese Untersuchungsmethode nicht mehr.

derStandard.at: Mit welchen Untersuchungsmethoden kommt man zur Diagnose Schilddrüsenunterfunktion?

Lind: Man geht stufenweise vor. Wenn ein Patient mit verdächtigen Symptomen kommt, dann nimmt man Blut ab und kontrolliert das basale TSH (Thyreoidea stimulierendes Hormon). Ist dieses im Normbereich, braucht man nichts mehr zu machen. Der Patient ist euthyreot, das heißt die Funktion seiner Schilddrüse ist normal. Ist das basale TSH erhöht, dann werden die Hormonwerte fT3 (freies Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin) kontrolliert und die Antikörper, um die Diagnose Hashimoto stellen zu können.

derStandard.at: Wie verändern sich die Schilddrüsenhormone fT3 und T4 bei einer Hypothyreose?

Lind: Man muss unterscheiden zwischen der latenten, also leichten Hypothyreose und der manifesten Hypothyreose. Bei der latenten Form liegen die Schilddrüsenhormonwerte im Normbereich. Bei der manifesten Form sinkt T4 und TSH steigt noch mehr an. Diese Veränderung der Laborwerte korrelieren gut mit der klinischen Symptomatik, die meist erst am Übergang zur manifesten Schilddrüsenunterfunktion auftreten.

derStandard.at: Sie haben erst kürzlich in einem Artikel geschrieben, dass eine Schilddrüsenunterfunktion im höheren Lebensalter oft zu spät gestellt wird. Was bedeutet zu spät?

Lind: Generell nimmt die Schilddrüsenunterfunktion mit dem Alter zu. Symptome wie Zurückgezogenheit oder depressive Verstimmungen werden oft fehlinterpretiert, sind aber typisch für latente Hypothyreosen bei alten Menschen. Gibt man diesen Menschen Schilddrüsenhormone anstelle von antidepressiven Medikamenten, so verbessert sich ihre Lebensqualität erheblich.

derStandard.at: Latente Hypothyreosen zu therapieren ist aber umstritten. Wann ist eine Behandlung gerechtfertigt?

Lind: Es ist tatsächlich so, dass keine evidenzbasierten Therapieempfehlungen existieren. Es gibt aber eine Schweizer Studie (Schweizer Medizinische Wochenschrift, 1999; 129:1893-5), die eine Substitution der Hormone empfiehlt, sobald ein Patient Beschwerden hat, die möglicherweise mit der latenten Hypothyreose zusammenhängen. Hat er keine Symptome, aber positive Antikörper, so besitzt er ein erhöhtes Risiko, dass sich daraus eine manifeste Hypothyreose, im Sinne einer Hashimoto-Immunthyreopathie entwickelt. Dieser Patient gehört ebenfalls substituiert.

derStandard.at: Welche Symptome könnten das sein?

Lind: Ein unerfüllter Kinderwunsch beispielsweise. Hier ist der bloße Verdacht, dass die Schilddrüse mit der Unfruchtbarkeit etwas zu tun hat ein Grund zu substituieren.

derStandard.at: Was bedeutet Hormonsubstitution?

Lind: Man ersetzt das fehlende Schilddrüsenhormon und versucht damit das TSH in einen Normbereich zu bringen.

derStandard.at: Wie lange?

Lind: Lebenslang, wenn die Diagnose manifeste Hypothyreose, insbesondere Hashimoto-Erkrankung lautet.

derStandard.at: Was passiert, wenn man eine manifeste Hypothyreose nicht therapiert?

Lind: Das führt zum Tod. Es ist so, als würde man jemanden schön langsam einfrieren. Sämtliche Funktionen verlangsamen sich. Letztendlich stirbt man im hypothyreoten Koma.

derStandard.at: Inwiefern spielt Selenmangel in der Entstehung von Hypothyreosen eine Rolle?

Lind: Es gibt eine Arbeit der Münchner Arbeitsgruppe von Roland Gärnter, die besagt, dass die Entstehung von Autoimmunerkrankungen durch Selenmangel gefördert wird. Beziehungsweise, dass bei vorhandener Autoimmunerkrankung, Selen die Antikörperspiegel reduzieren kann. Die Idee, den irreversiblen Autoimmunprozess mit Selen rückgängig zu machen klingt gut, hat sich aber bis dato nicht bestätigt. (Das Interview führte Regina Philipp, derStandard.at, 7.3.2007)

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  • Zur Person
Peter Lind ist seit 1991 Vorstand der Abteilung Nuklearmedizin am Landeskrankenhaus Klagenfurt. Der 49-jährige ist nicht nur Nuklearmediziner, sondern auch Internist mit dem Zusatzfach Endokrinologie (Stoffwechselkunde). Lind hat mehr als 230 wissenschaftliche Arbeiten publiziert und ist seit 2000 Vorsitzender der European Association of Nuclear Medicine (EANM).
    foto: peter lind

    Zur Person
    Peter Lind ist seit 1991 Vorstand der Abteilung Nuklearmedizin am Landeskrankenhaus Klagenfurt. Der 49-jährige ist nicht nur Nuklearmediziner, sondern auch Internist mit dem Zusatzfach Endokrinologie (Stoffwechselkunde). Lind hat mehr als 230 wissenschaftliche Arbeiten publiziert und ist seit 2000 Vorsitzender der European Association of Nuclear Medicine (EANM).

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