"Lebenszerstörende Gemeinheiten"

11. April 2007, 10:49
1 Posting

Arbeitslosigkeit ist in Österreich wie anderswo überproportional auf EinwanderInnen konzentriert. Den Grund sieht August Gächter im Interview schlicht in Diskriminierung

Qualifizierte Einwanderung, wie die EU-Kommission sie plant ist etwas was tagtäglich stattfindet, sagt Sozialwissenschafter August Gächter im Gespräch mit Regina Bruckner. Das österreichische Bewusstsein über Diskriminierung (u.a. am Arbeitsmarkt) sieht er nicht sehr ausgeprägt. Das Hauptproblem - so seine Einschätzung - sind winzige Kleinigkeiten, wie Diskriminierung aufgrund eines Akzents und nicht eine etwaige schlechte Qualifikation von EinwanderInnen oder ein angespannter Arbeitsmarkt. Dass Österreich den Arbeitsmarkt weiter so gut wie möglich abschottet, hält er nicht unbedingt für ein Konzept mit Zukunft.

***

derStandard.at: Das Problem, dass sehr viele Migrantinnen und Migranten auf einem angespannten Arbeitsmarkt nicht leicht unterkommen, hat sich vor allem im Zuge der steigenden Arbeitslosigkeit herauskristallisiert. Nun entspannt sich der Arbeitsmarkt in Österreich merklich. Besteht die Gefahr, dass man Probleme wieder beiseite schiebt?

Gächter: Der Arbeitsmarkt ist nicht angespannt. Es ist lächerlich, den österreichischen Arbeitsmarkt der letzten 30 Jahre als problembelastet darzustellen. Das zu tun, ist einzig und allein politisches Kalkül. Tatsache ist aber, dass, wie an den meisten Orten der Welt, die Arbeitslosigkeit überproportional auf Einwanderinnen und Einwanderer konzentriert ist. Das hat mit Diskriminierung zu tun, nicht mit Defiziten der EinwanderInnen, und nicht mit der Lage des Arbeitsmarkts. Überall in Europa sehen wir bei Tests, dass Bewerberinnen und Bewerber mit einem ganz geringfügigen Akzent sich mindestens dreimal öfter bewerben müssen als andere, um einmal eine Chance auf eine Beschäftigung zu erhalten.

derStandard.at: Gab es da nicht bei den heimischen Unternehmen durch die Globalisierung eine deutliche Horizonterweiterung?

August Gächter: Bei den exportorientierten Unternehmen ist das der Fall. Die sind allerdings nicht in der Überzahl.

derStandard.at: Was ist mit dem Antidiskriminierungsgesetz?

August Gächter: Solche Dinge werden bei uns eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt, und solange es da keine spektakulären Fälle gibt, wird das noch dauern. Man denke nur daran, wie lange es für Frauen dauert.

derStandard.at: Integration, lautete Ihr Credo, bedeutet sozialer Aufstieg in die Mittelklasse. Ist dieser in einem System wie dem österreichischen, wo ja Bildung zum guten Teil vererbt wird, möglich und erwünscht? Ich denke an Reinigungskräfte, Straßenarbeiter, Fliesenleger, also an alle jene Menschen, die offenbar die Jobs ausfüllen, die die Österreicher nicht machen (wollen).

August Gächter: Auch jene Familien, in denen Bildung heute quasi vererbt wird, haben sie nicht seit Anbeginn der Welt gehabt. Es gibt bereits seit ein paar Jahren Anzeichen, dass der Anspruch der zweiten Generation auf beruflichen und damit sozialen Aufstieg in ganz kleinen Anfängen verwirklicht wird. Die Beschäftigungszuwächse bei den türkischen und ehemals jugoslawischen Staatsangehörigen haben sich in den Angestelltenbereich verlagert. Über jene, die die österreichische Staatsangehörigkeit haben, gibt es keine diesbezüglichen Daten, aber vermutlich ist das dort noch stärker der Fall. In die Arbeiterposition rücken vor allem Männer mit deutscher Staatsangehörigkeit nach, also neue Einwanderer.

derStandard.at: Die "Mittelschicht" zu erreichen gelingt angesichts der Zunahme der prekären Arbeitsverhältnisse auch österreichischen StaatsbürgerInnen nicht mehr so leicht. Wird es da für Zugewanderte, so wie für alle Randgruppen, noch schwieriger?

Gächter: Die Zugehörigkeit zur Mittelschicht bemisst sich nicht am laufenden Einkommen, sondern am Besitz von dauerhaften Konsumgütern wie Wohnung, Auto, Kleidung, Einrichtung etc. Das lässt sich mit Geduld, Beharrlichkeit und Disziplin auch mit relativ geringen Einkommen zusammensparen. In Familien, die schon vor 1950 hier ansässig waren, wird in dieser Hinsicht relativ viel weitergeschenkt und vererbt. Daraus entsteht ein enormer Startvorteil gegenüber später zugezogenen Familien. Gäbe es eine effektive Erbschaftssteuer, würde sie in dieser Hinsicht einen gewissen Ausgleich schaffen.

derStandard.at: Wie sieht es mit den später Zugezogenen aus?

Gächter: Wünschenswert ist ein positiver Ansatz, der es den eingewanderten Familien ermöglicht, ebenfalls zu Besitz zu kommen. Rund drei Viertel der im Ausland geborenen Wohnbevölkerung ist in den letzten 20 Jahren zugezogen. Davon hat ein Drittel Abschlüsse von der Matura aufwärts mitgebracht. Man würde also glauben, dass für einen wesentlichen Teil zumindest die Bildungsvoraussetzungen gegeben sind, um problemlos Sparziele verwirklichen zu können. Es mangelt aber ganz eklatant an der Wahrnehmung und Anerkennung dieser Abschlüsse.

derStandard.at: Womit wir beim Problem der Dequalifizierung sind, also bei den AkademikerInnen als Taxifahrer oder Putzfrau. Hat sich da etwas geändert in den letzten Jahren?

August Gächter: Da hat sich kaum etwas verändert.

derStandard.at: Schafft es die zweite Generation der Zugewanderten, am Arbeitsmarkt teilzuhaben?

Gächter: Interessant ist der Zeitpunkt, zu dem die Aufstiegschancen der zweiten Generation auf die öffentliche Tagesordnung kamen. Das war im Herbst 2005. Durch den regen Familiennachzug und Asylzuzug gab es zu diesem Zeitpunkt rund 210.000 Leute in Österreich, die in den acht Jahren davor zugezogen waren. Davon hatten 40 Prozent mindestens Matura. Auf einmal spürten viele, dass die zweite Generation es gegen diese Konkurrenz schwer haben könnte.

derStandard.at: Heißt das, erste und zweite Generation konkurrieren am Arbeitsmarkt?

Gächter: Ich muss mich beeilen, hinzuzufügen, dass ich jetzt nicht von Konkurrenz am Arbeitsmarkt rede! Am Arbeitsmarkt ergänzen sich die zweite Generation mit ihren – typisch österreichischen – Lehr- und Fachschulabschlüssen und die neuen Einwanderinnen und Einwanderer mit ihren höheren Abschlüssen einerseits und den Pflichtschulabschlüssen andererseits. Sie brauchen sich quasi gegenseitig, damit für alle Beschäftigung entsteht. Wenn ich von Konkurrenz rede, dann um das Aufstiegstempo. Die später gekommenen, aber höher gebildeten EinwanderInnen könnten ganz rasch die Vorgesetzten der zweiten Generation werden, und wenn nicht das, dann jedenfalls höherrangig im gesellschaftlichen und politischen Ansehen. Wenn ich ein etwas oberflächliches Beispiel nehmen darf: Der vorige Vorsitzende der Wiener Integrationskonferenz war aus Kamerun, die jetzige Vorsitzende ist aus Indien, nicht aus Serbien, Kroatien, Bosnien oder der Türkei. Dagegen ist absolut nichts zu sagen, aber man muss sehr sichtbar machen, dass die Aufstiegserfolge der neuen Einwanderinnen und Einwanderer ganz gewiss nicht daher kommen, dass sie von der heimischen Politik bevorzugt worden wären. So ein Verdacht kommt bei den "Verlierern" nämlich sehr rasch auf.

derStandard.at: In Österreich hat man sich ja vor allem im Rahmen der europäischen Gemeinschaftsinitiative Equal sehr viel ausgedacht, um Diskriminierung und Ungleichheiten im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt zu bekämpfen. Wurden da die richtigen Schwerpunkte gesetzt?

Gächter: Die Projekte waren echt innovativ und inhaltlich auch sehr erfolgreich. Eqal war aber als Pilot gedacht für Aktivitäten, die dann zu Regelmaßnahmen werden sollten. Das zeichnet sich in Österreich fast gar nicht ab. Die Sozialpartner haben, kommt mir vor, nicht mitgelernt. Man merkt das an den nach wie vor geistlos und kleinkariert verlaufenden Diskussionen über Pflege, Facharbeiter und Übergangsbestimmungen, und daran, dass nach wie vor Asylwerber behandelt werden, als ob sie demnächst alle nicht mehr da wären. Das sind Illusionen auf Kosten von Menschen, das sind lebenszerstörende Gemeinheiten. Die Entscheidung über jede einzelne Beschäftigungsbewilligung liegt bei den Sozialpartnern. Daran hat Equal nichts ändern können, obwohl die Europäische Kommission vielleicht Hoffnungen hatte.

derStandard.at: Internationale Beispiele zeigen, dass sich immer mehr Unternehmen auf Basis der Antidiskriminierungs-Richtlinie der EU um betriebliche Gleichbehandlungsregeln bemühen. Was ist dabei zu beachten?

Gächter: Diskriminierung ist ein Verhalten des Unternehmens, nicht einfach einzelner Personen. Man soll sich weder selbst noch andere täuschen. Oft wird geglaubt, es liege an diskriminierenden Einstellungen einzelner. Einstellungen sind aber unsichtbar und unhörbar, solange sie sich nicht in Verhalten äußern. Das Verhalten kommt aber nicht von den Einstellungen. Es ist umgekehrt, die Einstellungen dienen der Rechtfertigung des Verhaltens. Dieses ergibt sich aus den formellen und informellen Normen, die wir im Alltag beachten, und die uns von anderen gesetzt werden, so wie wir sie anderen setzen. Es ist also nötig, den Normen vorrangige Beachtung zu schenken. In Unternehmen gibt es Tradition, eine Unternehmenskultur, auch geschriebene Ordnungen und Leitbilder. In diesen oft sehr diffus definierten Identitäten liegt die Ursache betrieblicher Diskriminierung sowohl bei der Aufnahme als auch bei der Zuweisung von Tätigkeiten und beim innerbetrieblichen Aufstieg. Aller Erfahrung nach brauchen Unternehmen sachkundige Hilfe von außen, um hier Änderungen herbeiführen zu können. Eine Firmenkultur zu ändern, ist eine größere Herausforderung. Auf www.ilo.org
gibt es eine ganze Anzahl von positiven Beispielen.

derStandard.at: Was ist das Hauptproblem?

Gächter: Das Hauptproblem ist, glaube ich, dass Gleichbehandlung recht komplex ist und viele Diskriminierungen für die "Täter" schwer einzusehen sind. Zudem geht es ja nicht nur um Diskriminierung nach Hautfarbe oder geografischer Herkunft, sondern Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, Religionsbekenntnis, Behinderung usw. Für Unternehmen, die keine eigene Personalfunktion haben - und das sind die allermeisten -, ist das nicht zu bewältigen. Es wäre wichtig, den Willigen Paketlösungen für alle Diskriminierungen auf einmal anzubieten.

ZUR PERSON: August Gächter ist Soziologe und Mitarbeiter des Zentrums für Soziale Innovation
  • August Gächter fehlt in Österreich das Unrechtsbewusstsein für Diskriminierung.
    foto: standard/semotan

    August Gächter fehlt in Österreich das Unrechtsbewusstsein für Diskriminierung.

Share if you care.