Gleiches wollen, Gleiches tun

6. März 2007, 21:01
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Die Chemikerin und "Expertin des Monats" Eva Maria Binder im STANDARD-Interview über Frauenkarrieren hier und anderswo

Die Chemikerin und Wissenschaftsmanagerin Eva Maria Binder wurde im Rahmen der ministeriellen Frauenförderinitiative FEMtech zur "Expertin des Monats" gekürt. Andreas Feiertag sprach mit ihr über Frauenkarrieren hier und anderswo.

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STANDARD: Das Infrastrukturministerium hat Sie im Rahmen der Initiative FEMtech zur Expertin des Monats gekürt, Sie anlässlich des Weltfrauentags der Öffentlichkeit präsentiert. Was sagen Sie dazu?

Eva Maria Binder: Ich freue mich sehr, denn ich halte die Initiative FEMtech für eine super Sache. Dadurch werden viele Frauen in Österreich zu wissenschaftlich-technischen Karrieren motiviert.

STANDARD: Und der Frauentag?

Binder: Er ist politisch korrekt, hierzulande vielleicht sogar wichtig. Aber ich persönlich halte nicht allzu viel von solchen punktuellen Sachen.

STANDARD: Wenn Sie sagen hierzulande - wie sieht es denn andernorts aus? Sie arbeiteten etliche Jahre in Singapur, einem der boomendsten Zentren für Forschung und Entwicklung. Ein Frauenparadies?

Binder: Im Vergleich zu Österreich sicher. Dort gibt es hervorragende Betreuungsangebote für Kinder, sowohl ausreichend als auch leistbar. Dazu kommen ganz andere Ladenöffnungszeiten, dort können Berufstätige auch noch nach ihrer Arbeit einkaufen. Und was ganz entscheidend ist: In der Gesellschaft ist es nicht geächtet, sondern im Gegenteil hoch angesehen, dass auch Frauen arbeiten.

STANDARD: Warum hat es Sie dann wieder zurück nach Österreich gezogen?

Binder: Weil es auch hier Unternehmen gibt, vor allem solche, die international ausgerichtet sind, die ein entsprechendes Arbeitsumfeld bieten. Die Erber-Gruppe zum Beispiel, für die ich arbeite und die weltweit Forschungen zur Verbesserung von Futtermittel betreibt. Von weltweit 61 Personen, die bei uns in Forschungs- und Entwicklungsprojekten arbeiten, sind 36 weiblich, und von 18 Führungskräften sind elf Frauen.

STANDARD: Quotenregelung?

Binder: Überhaupt nicht. Wir bemühen uns, niemanden zu diskriminieren. Wir versuchen unsere Stellen nicht politisch korrekt, sondern geschlechtsneutral zu besetzen. Die Qualifikation zählt. Warum wir aber insbesondere Frauen ansprechen und Mitarbeiterinnen sehr lange halten können, liegt vermutlich an unserer hohen Flexibilität in Bezug auf Teilzeitlösungen und Home-Office-Möglichkeiten.

Ich selbst habe nach der Geburt meiner Kinder sehr bald wieder zu arbeiten begonnen, allerdings jeweils das erste Jahr hauptsächlich von einem Home-Office aus - bis zu 70 Prozent meiner Arbeitszeit. Heute habe ich einen 30-Stunden-Vertrag, der es mir ermöglicht, mich genügend meinen Kindern zu widmen.

STANDARD: Gut, Sie haben das Glück, dass Ihr Arbeitgeber Ihnen und Ihren Kolleginnen so entgegenkommt. Was aber ist mit anderen Frauen in den nach wie vor männlich dominierten Naturwissenschaften?

Binder: Prinzipiell denke ich, dass Frauen durchaus gleiche Chancen in naturwissenschaftlich-technischen Berufen haben - sofern sie es anstreben, gleichwertig behandelt zu werden. Allerdings beobachte ich sehr häufig, dass Frauen sich mit der Rolle der rechten Hand begnügen oder sich dorthin drängen lassen, also lieber zuarbeiten und in der zweiten Reihe stehen.

Aber spätestens ab dem Zeitpunkt, wo Familie und insbesondere Kinder relevant werden, kommen sehr viele Frauen gerade in wissenschaftlichen Berufen ins Hintertreffen. Geringere zeitliche Flexibilität und eingeschränkte Reisemöglichkeiten sehe ich hier als primäre Karrierehemmer bei Frauen, selbst wenn sie ein funktionierendes Kinderbetreuungssystem zur Verfügung haben. Hier funktionierende Arbeitsmodelle zu finden und zu implementieren ist mein Bestreben neben meiner Hauptarbeit als technische Chemikerin.

STANDARD: Und was erforschen Sie als solche?

Binder: Es geht um Zusätze für Futtermittel. Nachdem die EU im Vorjahr antibiotische Leistungsförderer verboten hat, suchen wir natürliche, probiotische Alternativen, die in der industriellen Tierzucht dringend notwendig sind, damit die Tiere nicht krank werden. Zudem forschen wir nach Möglichkeiten, Mykotoxine, also gefährliche Schimmelpilzgifte, in Futtermitteln zu verhindern beziehungsweise entwickeln leicht anzuwendende diagnostische Testverfahren dafür.

STANDARD: Und wie erklären Sie Ihre Forschungstätigkeit Ihren Kindern?

Binder: Unsere Kinder kennen meinen Arbeitsplatz, da sie hin und wieder zu Besuch kommen dürfen. Das interessiert sie, und sie bekommen dabei schnell mit, was Mami so macht. Und daheim gibt's chemische Experimente. (DER STANDARD, Printausgabe, 7. März 2007)

Zur Person
Eva Maria Binder (37) wuchs im Burgenland auf, studierte Technische Chemie an der TU Wien, promovierte 1994, ging dann in die Privatwirtschaft, forschte für Unternehmen im In- und Ausland. Von 2001 bis 2003 ließ sich Binder an der Donauuni Krems zur Wissenschaftsmanagerin ausbilden.

Seit 2003 arbeitet sie als Chief Research Officer, Wissens- und Projektmanagerin für die Erber AG am Technopol Tulln, auf die Optimierung von Futtermittel spezialisiert. Binder ist verheiratet, hat zwei Töchter im Alter von zwei und fünf Jahren. (fei)

  • Eva Maria Binder, vom Infrastrukturministerium zur "Expertin des Monats" gekürt, glaubt, dass Frauen in naturwissenschaftlich-technischen Berufen gleiche Chancen haben wie Männer - wenn sie dies wollen.
    foto: der standard/hendrich

    Eva Maria Binder, vom Infrastrukturministerium zur "Expertin des Monats" gekürt, glaubt, dass Frauen in naturwissenschaftlich-technischen Berufen gleiche Chancen haben wie Männer - wenn sie dies wollen.

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