Gratis-Uni mit Erfolgsquote

7. März 2007, 16:37
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Mexikos Bildungs-Philosophie: Niveauvolles Studium ohne Erfolgsdruck bei symbolischen Studiengebühren von nur einem Cent pro Semester

Mexiko-Stadt - Ob man die grüne Metro-Line 3 bis nach Copilco oder Universidad nimmt, kommt darauf an wo man hin muss. Der enorme Universitätscampus der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) erstreckt sich nicht nur über zwei U-Bahn-Stationen, sondern beherbergt tagtäglich 300.000 Studenten, die zwischen hundert verschiedenen Studienrichtungen wählen können. Auch an Professoren mangelt es nicht: Auf 13 Studierende kommt ein Professor.

Verlässt man das U-Bahn-Netz, warten zahlreiche grüne Busse mit Puma-Stickern auf die Studenten. Der Puma ist hier heilig: Er ist das Emblem des universitären Fußballteams, nach dem die Transportmittel benannt sind. Gemeinsam mit Sammeltaxis regeln sie die Verbindung zwischen den Fakultäten.

Schon wenn man das Uni-Gelände betritt, bemerkt man lebendige Vielfalt. Bunt gekleidete Frauen wuseln um Straßenstände herum und verkaufen Tacos, Burritos und Enchiladas zum Frühstück. Natürlich mit reichlich Chili.

"Die UNAM ist ein wahrhaftiger Schmelztiegel", meint der Mediziner und Leiter des Zentrums für Internationale Beziehungen, Edmundo Hernández-Vela. "Sie bietet Raum für junge Leute aus jeglichen sozialen und kulturellen Schichten. Indigene, die Reichsten sowie die Ärmsten treffen hier aufeinander."

Motor der Entwicklung

Der bärtige Professor lehrt bereits seit 45 Jahren in der Uni-Stadt und kann sich noch an die Zeiten erinnern, als nur Studierende aus Mexiko-Stadt oder aus Städten, in denen es keine Unis gab, zu einem Studium zugelassen wurden. Nun habe sich die UNAM jedoch zu einem nationalen Projekt entwickelt, meint er und zeigt stolz auf einen gerahmten Zeitungsartikel mit dem Leitbild der Uni, der die Wand seines Büros ziert: "Unser Ziel ist es, als Entwicklungsmotor die Realität ganz Mexikos zu beeinflussen und zu verändern." Und das gelingt wahrhaftig. Denn die UNAM verfügt nicht nur über das größte Kulturbudget des Landes, sondern mischt sich auch rege in politische Debatten ein.

Auch wenn sie in internationalen Rankings, wie dem Schanghai-Ranking, besser abschneidet als die Uni Wien, ist sie für jeden erschwinglich. "Wir zahlen einen symbolischen Betrag von zirka einem Cent pro Semester", berichtet Alain Ponce stolz. Er studiert Internationale Beziehungen im 9. Semester und arbeitet mit einem Kollegen an der Diplomarbeit. Nur Studenten, denen es finanziell gut gehe, würden dazu ermuntert, ihre Studiengebühren freiwillig individuell zu erhöhen.

Diese paradiesischen Umstände sind jedoch hart erkämpft. "1999 gab es einen einjährigen Studentenstreik", erinnert sich die Juristin Olga Velázquez Rivera. Neoliberale Politiker versuchten Studiengebühren zu implementieren und scheiterten am Protest der Studenten und Professoren. Dass ein derartiger Streik jederzeit wieder passieren könnte, meint Velázquez: "Viele Menschen glauben, dass etwas besser ist, wenn es mehr kostet. Real fördert diese Tendenz nur Ungleichheit und soziale Konflikte innerhalb der Gesellschaft."

Die philosophische Fakultät mit ihrer farbenfrohen Bibliotheksfassade beherbergt ein bewohntes Relikt aus der Zeit des Aufstandes: den besetzten Ché-Guevara-Hörsaal. "Da wohnen heute ein paar Punks und Ausländer", erzählt der österreichische Lektor Herwig Weber. Die Besetzung werde heute, sieben Jahre später, noch toleriert, da eine Räumung nur gewaltsam vonstatten gehen könnte. Und das verstoße gegen die UNAM-Philosophie.

Einzig für ausländische Studenten sieht die Situation nicht so rosig aus. "Ich zahle für die Inskription und jedes Seminar jeweils 220 Euro", klagt Daniel Görgl, ein österreichischer Politikwissenschaftsstudent. Dennoch fühlt er sich an der UNAM wohl: "Würde ich die Freidenker dieser Uni nicht kennen, hätte ich bei Weitem nicht so ein gutes Bild von diesem Land." (Stephanie Deimel aus Mexiko/DER STANDARD-Printausgabe, 6. März 2007)

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    Mexiko: Studiengebühren können freiwillig und individuell erhöht werden.

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