Neuseeland: Kamerateams lauern auf Schlammlawine

15. März 2007, 15:21
posten

Es kann heute sein, oder morgen, oder vielleicht erst in einem Monat - Experten erwarten Dammbruch an riesigem Kratersee

Es kann heute sein, oder morgen, oder vielleicht erst in einem Monat: Ein kleiner Riss in der bröckeligen Wand des Kratersees Vulkans Mount Ruapehu verwandelt sich innerhalb von Sekunden zu einer gigantischen klaffenden Wunde. Millionen Tonnen Wasser, Schlamm und Felsblöcke von der Größe eines Kleinwagens werden vom fast 3000 Meter hohen Berg ins Tal donnern.

"Es wird unvorstellbar laut sein", sagt Dave Wakelin vom neuseeländischen Amt für Naturschutz. "Aber niemand muss sich fürchten." Lahare, das Wort stammt aus dem Indonesischen und bedeutet Schlammlawine, sind weltweit für weitaus mehr Todesopfer verantwortlich als Vulkanausbrüche. 1985 starben allein in Kolumbien mehr als 24.000 Menschen, als ein Lahar des Vulkans Nevado del Ruiz ganze Dörfer unter sich begrub.

Die Aussicht auf einen kurz bevorstehenden Bruch der Wand des Kratersees auf der Nordinsel Neuseelands hat Fernsehgesellschaften aus aller Welt nach Neuseeland gelockt. Sie kämpfen darum, das Naturereignis exklusiv filmen zu können. Große Geldsummen werden geboten, um am Berg eine Kamera aufstellen zu dürfen. "Filmstar" war der Ruapehu schon vorher: Im dritten Teil der "Herr der Ringe"-Trilogie war er Schauplatz für das Land Mordor.

"Es ist nur selten möglich, eine Naturkatastrophe voraussehen zu können", sagt Wakelin. Obwohl er das Wort Katastrophe nicht mag. "Denn wenn es nach uns geht, kommt niemand zu Schaden."

Die neuseeländischen Behörden haben mehrere Millionen Dollar investiert, um die Umgebung sicher zu machen. Obwohl nur wenige Menschen in dem steinigen Gebiet um den Ruapehu wohnen, will die Regierung kein Risiko eingehen. Eine Straße, die im Weg des Geröllstroms liegt, wird automatisch gesperrt, wenn der Damm bricht.

Massiv verstärkt wurde eine Eisenbahnbrücke, die 1953 am Weihnachtsabend von einem Lahar mitgerissen worden war. 15 Minuten später stürzte damals ein Expresszug in die tobenden Fluten. 151 Menschen starben.

Nur noch Zentimeter

Ein Flug im Hubschrauber über den Vulkan bestätigt: Bis zum Überlaufen des Kratersee sind es noch Zentimeter, vielleicht ein Meter. Schon ein kleiner Bergrutsch könnte zum Bruch des Damms führen. Der Krater liegt 250 Meter unterhalb des Gipfels des 2797 Meter hohen Mount Ruapehu und ist 17 Hektar groß, ungefähr die Fläche von 23 Fußball-Spielfeldern. Den Berechnungen der Naturschutzbehörden zufolge sollten die Wassermassen nun bei einem Dammbruch einem Flussbett folgen und ins Meer stürzen. Sollte der Wasserpegel einen weiteren Meter steigen, wäre die Wahrscheinlichkeit eines Kraterwandbruchs 50 bis 60 Prozent.

Angesammelt hat sich das Wasser seit 1995 und 1996. Damals war der Ruhapehu zum bisher letzten Mal ausgebrochen. Die gigantische Aschewolke legte tagelang den Flugverkehr lahm und war sogar aus dem Weltall zu sehen.

Laut Wakelin könnte der Lahar genauso spektakulär werden, doch warnt er die Medien vor Übertreibung. "Vor ein paar Wochen meldeten Zeitungen in Europa, Neuseeland liege nach einem Lahar, mehreren Erdbeben und Vulkanausbrüchen in Schutt und Asche."

Schon ein kleiner Bergrutsch könnte den Rand des Kratersees auf dem neuseeländischen Vulkan Ruapehu zum Bersten bringen, eine riesige Schlamm- und Gerölllawine wäre die Folge. (Urs Wälterlin aus Ruapehu, Neuseeland/DER STANDARD; Printausgabe, 7.3.2007)

  • Schon ein kleiner Bergrutsch könnte den Rand des Kratersees auf dem neuseeländischen Vulkan Ruapehu zum Bersten bringen, eine riesige Schlamm- und Gerölllawine wäre die Folge.
    urs wälterlin

    Schon ein kleiner Bergrutsch könnte den Rand des Kratersees auf dem neuseeländischen Vulkan Ruapehu zum Bersten bringen, eine riesige Schlamm- und Gerölllawine wäre die Folge.

Share if you care.