Tauschobjekt: Studium

13. Juli 2007, 11:31
posten

Wenigstens eine Börse mit hohem Kurs: Studientauschplätze verhelfen Studenten in Deutschland zum Sprung in ihre ideale Uni oder zur Flucht vor Studiengebühren

Die Angebote sind groß, doch die Suche nach dem entgegengesetzten Wunsch ist voller Hürden.

****

Berlin/Wien - "Ich bin ein ganz normales ZVS-Opfer", definiert sich Vera Jan (20), Jus-Studentin aus Bielefeld. Ihre zwei ersten Präferenzen wurden von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) an andere vergeben.

Auf Studienplatztauschbörsen bemüht sich Jan deshalb einen Partner aus Bonn zu finden, den es in den Nordosten von Nordrhein Westfalen ziehen könnte.

7400 aktuelle Tauschwünsche sind derzeit auf Studienplatz.de gespeichert - einer der größten deutschen Studientauschmärkte. Der dahinter stehende gemeinnützige Verein zur Förderung studentischer Belange (VSB) wird von Studierendenvertretungen mit 0,05 Euro pro Jahr und Student unterstützt. Der VSB registriert rund zehn gelungene Tauschakte täglich - ein vager Wert, denn die Vermittlung an nicht registrierte User wird nicht erfasst.

"Wer nach dem Abitur direkt einen Studienplatz antritt, hat kaum Vorstellungen darüber, was auf ihn zukommt", erklärt Manfred Baehr vom VSB die Nachfrage.

Dies sei einer von drei Beweggründen, die Hochschule zu wechseln. Das fachliche Motiv, nennt es Baehr. "Die Studenten finden erst während des Studiums ihren Schwerpunkt."

Dazu kämen persönliche Präferenzen, aber auch finanzielle Notwendigkeiten. "Manche tauschen, weil sie in ein Bundesland wollen, wo keine Studiengebühren fällig sind", betont Baehr. Dieser Trend entstehe zwar erst, sei aber sichtbar. Der gebürtige Iraner Rouzbeh Changizi (27), Pharmazie-Student in Frankfurt am Main, sucht seit einem Monat just deshalb nach einem Tauschpartner.

Mit der Einführung von Studiengebühren in Hessen ab Oktober 2007 erwarte ihn eine finanzielle Situation, die er nicht bewältigen könne: "Frankfurt ist eine sehr gute Stadt, besonders für die Pharmazie", stellt Changizi klar. "Aber ich werde finanziell nicht zurechtkommen." Schon privat zu wohnen, sei teuer - für einen Wohnheimplatz sei er noch auf einer zweijährigen Warteliste.

Das Ying zum Yang Ein geografisches Ying zu seinem Yang zu finden, genügt für die Tauschwilligen nicht. "Die Hochschulen müssen überprüfen, ob die Kandidaten leistungsmäßig gleich einzustufen sind", beschreibt Bernhard Scheer von der ZVS das hürdenreiche System.

Im Sommersemester 2007 trafen auf einen Studienplatz in Psychologie 11,8 Bewerber. In Medizin betrug der Schnitt 5,5 auf einen Platz - etwas bessere Chancen, doch potenzielle Tauschkandidaten gibt es in diesen Numerus clausus Studiengängen wohl viele.

Theoretisch gestaltet sich der Tausch einfacher in Studienrichtungen, die einen Numerus Clausus nur im ersten Semester haben - doch auch hier ergeben sich Probleme.

"Die Anerkennung der Studienleistung ist sehr schwierig", erklärt Katharina Binz vom freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften (FZS). "Es gibt immer noch eine professorale Arroganz: Man traut nur dem, was man auch selber gelehrt hat", kritisiert Binz. Zu viele Studenten treffen in bestimmten Fachrichtungen auf zu wenige Studienplätze, ein Problem, das auch durch den guten Willen von Professoren und der Vielzahl an Tauschbörsen nicht gelöst werden kann.

"Solange die Hochschulen nicht ausgebaut werden, sind wir eine Art Feuerwehr, die versucht, Brände zu löschen, aber wahrlich nicht alle schafft", bekräftigt Baehr. Neben der Vermittlung über Dritte, kann auch die direkte Kontaktierung der Unis Erfolg bringen. Diese Mühen werden in Kauf genommen - in Foreneinträgen wird so auch mit Belohnungen von 500 bis 3500 Euro um potenzielle Tauschwillige konkurriert.

Die meisten werben mit der Lebensqualität der Stadt, für Jan stecken jedoch eher finanzielle Gründe dahinter: "Hätte ich das nötige Kleingeld zu verschenken, dann würde ich es sofort machen." (Louise Beltzung/DER STANDARD-Printausgabe, 6. März 2007)

  • Wer im Studium den schwarzen Peter zieht, ist nicht verloren: Mit Glück hat man zuletzt gute Karten.
    foto: standard/urban

    Wer im Studium den schwarzen Peter zieht, ist nicht verloren: Mit Glück hat man zuletzt gute Karten.

Share if you care.