Temposünder und Dauerparker

13. Juli 2007, 13:14
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Im Zielsprint von Prüfung zu Prüfung

Wien/Lübeck/Berlin - Wenn Studenten mit "Speed Kills" im Gepäck mehr weilen statt eilen, dann wird das Studium zum Spaziergang - das erfreut zwar die studentische Gemütlichkeit, aber gefällt es auch dem Arbeitsmarkt?

"Ich finde es problematisch, wenn sich Studien nur mehr auf die Arbeitsmarkttauglichkeit ausrichten", warnt Brigitte Mosberger, Soziologin des Vereins "Analyse, Beratung und interdisziplinäre Forschung". "Aber früher waren einfach genug Arbeitsplätze vorhanden, da hat man es sich leisten können, länger zu studieren - und Spaß macht's ja."

Vor allem die männlichen Studenten haben es gern etwas gemütlich: 45,6 Prozent der frisch gebackenen Magister im Studienjahr 2004/05 haben die Regelstudienzeit um mehr als vier Semester überzogen. Bei den Frauen waren es 38,7 Prozent. In Mindestzeit abgeschlossen haben bei den Männern 16,3 Prozent, bei den Frauen 15,5 Prozent.

In Mindestzeit abzuschließen wäre nicht unbedingt notwendig, wenn begründet werden kann, warum länger studiert wurde, betont Mosberger. "Um sich heute am Arbeitsmarkt durchzusetzen, ist es essenziell, sich von den anderen Bewerbern abzuheben."

Vorfreude als Ansporn

Spaß an Erfolgserlebnissen und die Vorfreude auf einen interessanten Beruf spornen Maximilian A. Jacob an, das Jus-Studium schneller als üblich zu absolvieren: "Für mich stellt mein Studium nur einen Teil meiner Ausbildung dar - der andere ist die Karriere nach dem Abschluss", ist der 21-jährige Student überzeugt.

Mit dem Ziel vor Augen Wirtschaftsanwalt zu werden, wird der Student diesen Sommer nach sechs Semestern sein Jus-Studium beenden. Dass die Konkurrenz nicht schläft, ist ihm bewusst: "Es war daher mein Bestreben, mich durch eine extrem kurze Studiendauer von meinen Kollegen abzuheben", erklärt er. Arbeitsmarktchancen von Studenten jenseits der 25 schätzt Jacob schlecht ein. Maria Hofstätter vom AMS sieht die Lage entspannter: "Von den Arbeitgebern ist zügiges Studieren gefragt, wenn man die Regelstudienzeit um zwei bis drei Jahre überschreitet, wird das toleriert, besonders wenn studienadäquate Jobs nachwiesen werden."

"Zum Studium gehört auch menschliche Entwicklung und dafür braucht man Zeit", ergänzt Jürgen Westermann, Studiendekan an der Medizin Universität Lübeck. "Deswegen sind wir hier nicht böse, wenn ein Student den erster Abschnitt anstatt in vier Semestern in fünf macht - solange er die Zeit richtig nutzt."

Zeit zum "Umschauen"

Der Dekan der laut CHE-Hochschulranking besten Medizin-Uni findet "es nicht wichtig, dass Studenten schnell studieren, sondern, dass sie ordentlich studieren. Von den Studenten weiß er, dass deren Curriculum übervoll ist. Deshalb werde in Lübeck versucht, das Studium effektiv zu organisieren: Jeder Student bekomme dann einen Kurs, wann er ihn braucht und "es finden keine Kurse in den Semesterferien statt, damit der Student Zeit hat, das zu tun, was ein Student auch tun muss, nämlich sich im Leben umschauen".

Die Berliner Politik-Studentin Petra Maier hat ihre Zeit nicht nur zum Studieren, sondern auch für Aktivitäten in der Fachschaft und für Auslandsaufenthalte genutzt. Dass sie deshalb schon im 21. Semester studiert, findet sie nicht nur bereichernd, sondern auch finanziell sinnvoll: "Da die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt nicht besonders gut sind, kommt mir die flexible Zeiteinteilung als Studentin zugute", erklärt sie.

Zudem wirke sich die Lebenserfahrung durch langsames Studieren positiv auf das Studium selbst aus. So fordert sie "vom Gedanken an das Studium als Lebensabschnitt abzukommen und die Möglichkeit des lebenslangen Lernens und Studierens zu fördern". (Conny Sattler, Tanja Traxler/DER STANDARD-Printausgabe, 6. März 2007)

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