"Saliera"-Diebstahl und die Folgen

15. März 2007, 15:15
posten
Am 11. Mai 2003 wurde im Kunsthistorischen Museum Wien (KHM) die "Saliera" von Benvenuto Cellini gestohlen. Am 20. Jänner 2006 wurde der Alarmanlagen-Errichter Robert Mang als Verdächtiger gefasst, einen Tag später das Salzfass wiedergefunden. Am 7. September 2006 wurde der Wiener zu vier Jahren Haft verurteilt. Heute, Dienstag, hob der Oberste Gerichtshof diese Entscheidung auf und ordnete die Neudurchführung des Verfahrens an. Im Folgenden eine Chronologie des Tathergangs und der Folgen dieses spektakulärsten Kunstdiebstahles der Zweiten Republik.

11. Mai 2003: Um 2.00 Uhr verlassen die letzten Besucher nach der "Langen Nacht der Musik" das Kunsthistorische Museum. Um 3.55 Uhr schlägt der Bewegungsmelder in der Gemäldegalerie im ersten Stock Alarm. Die drei Dienst habenden Sicherheitsbeamten quittieren diesen und bestätigen damit, ihn wahrgenommen zu haben. Damit verhindern sie gleichzeitig die automatische Weiterleitung an die Polizei. Innerhalb der vorgesehenen Zeit machen sie die Anlage wieder scharf. Der Alarm schlägt nicht wieder an. Der Täter ist offenbar bereits über das Baugerüst, über das er in den ersten Stock gelangt ist, entkommen. Entgegen den Vorschriften unterbleibt eine persönliche Nachschau des Sicherheitspersonals in der Gemäldegalerie, weder das Saallicht noch die Videoüberwachungsanlage werden eingeschaltet.

Gegen 8.20 Uhr wird der Einbruch durch den Oberaufseher entdeckt: Ein Fenster des Museums ist eingeschlagen, die Vitrine zerstört und Cellinis wertvolle Skulptur "Saliera" entwendet. Ein Portier verständigt die Polizei. Die Ermittlungen konzentrieren sich zunächst auf das Sicherheitspersonal, die drei betroffenen Beamten werden vom Dienst suspendiert. Das KHM setzt 70.000 Euro als Belohnung für Hinweise aus, die zur Wiedererlangung des Objektes führen.

12. Mai 2003: Der Direktor des KHM, Wilfried Seipel, gerät in der Folge unter schweren Medienbeschuss. Besonders kritisch wird neben dem Nicht-Eingreifen der Dienst habenden Beamten die ungenügende Sicherung des Baugerüstes kommentiert. Es wird bekannt, dass Seipel der damals zuständigen Ministerin Elisabeth Gehrer (V) seinen Rücktritt angeboten hat, den diese jedoch ablehnte.

13. Mai 2003: Seipel ringt bei der "sicher schlimmsten Pressekonferenz, die ich in meiner Karriere zu geben hatte", kurzzeitig mit den Tränen und spricht von einem "Angriff auf ein Weltkulturerbe", einem "Angriff auf das Museum" und einem "Angriff gegen die Kunst".

Juli 2003: Eine Diskussion um den berechtigten Bezieher der Versicherungssumme entflammt. Sowohl Bund als auch Museum beanspruchen eine eventuelle Zahlung für sich. Am 10. Juli wird in einem Inserat in der "International Herald Tribune" ein Rückkauf-Versuch gestartet.

August 2003: In einem Schreiben an die Uniqa-Versicherung werden fünf Mio. Euro Lösegeld verlangt. Über die Authentizität von beigelegten Bröseln, die angeblich von der Saliera stammen, gibt es heftige Diskussionen. Über codierte Inserate und eine Homepage wird in Folge Kontakt zum Saliera-Dieb gesucht.

Mai 2004: Ein 42-jähriger Wiener will sich das brennende Interesse am Wiederauftauchen des verschwundenen Salzfasses zu Nutze machen und gaukelt KHM-Direktor Wilfried Seipel vor, die "Saliera" wiederbeschaffen zu können. Der Museumsdirektor wird ergebnislos bis nach Italien gelotst, der mutmaßliche Hochstapler verhaftet.

Oktober 2004: Angebliche Aussagen des britischen Detektivs Charles Hill, eines der weltweit führenden Kunstdiebstahl-Experten, wonach die Diebe der "Saliera" Komplizen im Kunsthistorischen Museum (KHM) gehabt hätten, sorgen für Aufregung. Hill dementiert jedoch.

Dezember 2005: Im Nationalrat sagt Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V), dass auch zweieinhalb Jahre nach dem Diebstahl der "Saliera" die Schadenssumme von der Uniqa-Versicherung noch immer nicht gezahlt worden sei. Man sei mit der Versicherung in dauernder Diskussion über die Vorgangsweise, habe allerdings bis Ende Mai 2006 Zeit, um rechtliche Schritte zu setzen.

20. Jänner 2006: Ein Teil des Kunstwerkes - der abnehmbare "Dreizack" - befindet sich in den Händen der Ermittler. Außerdem konnten die Behörden ein Bild von einem Mann anfertigen, "der vermutlich Auskunft darüber geben könnte", wo sich die Skulptur befindet. Der Mann auf dem Bild meldet sich und sagt, er wolle den Sachverhalt aufklären. Freunde hätten ihn auf die Ähnlichkeit angesprochen. Kurze Zeit später sprechen die Ermittler erstmals mit dem Verdächtigen, dem Alarmanlagen-Errichter Robert Mang aus Wien, der schließlich festgenommen wird. In seiner Wohnung stellt die Polizei Material sicher, das ihn mit der Tat in Verbindung bringt.

21. Jänner 2006: Neuerliche Einvernahme des 50-Jährigen: Mang gesteht den Einbruch ins Kunsthistorische Museum und den Diebstahl der "Saliera". Mit den Ermittlern fährt er ins Waldviertel, wo in einem Waldstück bei Brand im Bezirk Zwettl das Kunstwerk vergraben ist. Die Kiste mit der "Saliera" wird geborgen und in Wien geöffnet.

22. Jänner 2006: Bei einer Pressekonferenz gibt Innenministerin Liese Prokop (V) die "Saliera" symbolisch an das Kunsthistorische Museum zurück.

31. Jänner 2006: Zum ersten Mal seit dem Diebstahl im Mai 2003 ist die "Saliera" im Kunsthistorischen Museum zu sehen. Ein Blitzlichtgewitter geht im Saal XIX nieder. Sie wird später restauriert und soll zum Jahreswechsel 2007/08 wieder zu sehen sein.

4. Februar 2006: Es wird bekannt, dass ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes im Kunsthistorischen Museum ein Jugendfreund von Mangs Bruder ist. Das erneuert Spekulationen, dass mehrere Personen an der Tat beteiligt waren. Neue Erkenntnisse gibt es aber nicht.

18. Mai 2006: Die Staatsanwaltschaft legt einen Entwurf der Anklage gegen Mang vor. Mitte Juni gibt das Justizministerium grünes Licht.

7. September 2006: Mang muss sich im Straflandesgericht Wien wegen schweren Einbruchsdiebstahls und versuchter Erpressung verantworten. "Es war wirklich nicht schwierig. Da hätte jeder von uns raufgehen können", sagt er zu seiner Kletterei über das Baugerüst. Dass er ausgerechnet die "Saliera" mitnahm, sei reiner Zufall gewesen. Auf die Idee, Lösegeld zu verlangen, sei er erst später durch Medienberichte gekommen. Nach dem Einbruch habe er zwei Wochen in Angst gelebt, besser sei es ihm erst gegangen, als er die "Saliera" von ihrem Versteck unter seinem Bett ins Waldviertel gebracht hätte. "Ich genier' mich für das Ganze irrsinnig", sagt Mang zuletzt. Die Quittung: Vier Jahre Haft wegen schweren Einbruchsdiebstahls und - abweichend von der Anklage - versuchter Nötigung. Die Staatsanwältin beruft.

9. September: Auch Mangs Verteidiger Richard Soyer kündigt Berufung an.

6. März 2007: Der Oberste Gerichtshof hebt das Urteil erster Instanz aus formalen Gründen auf und begründet das mit einem "Rechtsfehler". Die Drohung an die Versicherung, das Salzfass einzuschmelzen, falls kein Lösegeld gezahlt werde, sei eine versuchte schwere Erpressung. Wann die Neuauflage des Prozesses stattfinden wird, ist noch nicht bekannt. (APA)

Share if you care.