Zu Besuch bei alten Lehrern

14. März 2007, 16:22
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Der Geruch war so, wie er wohl noch in 200 Jahren sein würde: Schule halt

Es war vor Weihnachten. Vielleicht sogar Anfang Advent. Aber wenn ich da nicht im Kino gesessen wäre, hätte mich N. nicht angesprochen. Weil sie mich wiedererkannte – als ehemaligen Schulkollegen. Das, flötete die Frau, die sich von zwei Reihen hinter mir während der Werbung nach vor beugte und – im Dunkeln – behauptetet, mich sofort wiedererkannt zu haben, sei soooo toll.

A. hatte da ihre Zweifel. Weil sie nämlich Fotos von mir als Schüler kennt – und da angeblich nicht mehr allzu viel Ähnlichkeiten bestünden. Schon alleine wegen der Frisur. Ich konnte mich an N. nicht erinnern. Aber das, erklärte sie, läge wohl daran, dass sie vier oder fünf Jahre nach mir maturiert hatte. Und deshalb (den Flöt-Ansatz bildete sich hier natürlich nur A. wieder ein) habe sie mich sofort erkannt. Während ich im Foyer viermal vorbeigewatschelt sei. Sowas, meinte N., sei nicht nur schade, sondern vermeidbar. Und dann lud sie mich ein.

Veteranen

An meiner Ex-Schule gäbe es nämlich Veteranentreffen. Regelmäßig. Von einem Verein der Freunde der Schule organisiert. Ob ich nie eine Einladung bekäme? Ich verneinte, zeigte mich aber prinzipiell interessiert. Schon allein weil ich herausfinden wollte, wieso die weder mich noch meinen Bruder je eingeladen hatten.

Dieses Rätsle war leicht gelöst: Der Verein schicke nur per Post aus, erklärte mir ein Vereinsmensch den ich über die Schulhomepage fand. Weil Mails so oft zurückkämen. Postalisch schicke man Einladungen aber immer an die Schulzeit-Wohnadresse der Eltern: Angesichts des Soziotops dem viele Schüler entstammten tatsächlich ein Garant, dass die Einladungen ankommen: Die Häuser waren in der Regel groß genug gebaut – manchmal zogen ja auch die Eltern ins Landhaus.

Kopfschmerzen

Ich erinnerte mich – und bekam sofort Kopfschmerzen. Trotzdem ging ich zum Veteranentreffen: Sogar an meiner Schule hatte es immer Leute gegeben, denen Elternhaus, Attitüde und Schnöseltum (und sei es das/die/das der anderen) keinen bleibenden Langzeitschaden verpasst hatten. Aber ein bisserl komisch war es schon, als ich da die Stufen zum retrogotischen Portal hinaufkrabbelte und mich hinter der schweren Tür ein Geruch einfing, der wohl auch in 200 Jahren noch genau so sein würde wie er vor über 25 Jahren schon war.

In der Aula gab es Listen. Nach Maturajahrgängen geordnet. Man erhielt Aufkleber: Jahrgang und Name. Meiner dürfte nicht gut geklebt haben: Keine zehn Minuten später herrschte mich eine ältere, grauhaarige Frau in einem ihren Körper schön konterkarierende Kommandoton an: „Ich vermisse den Namensaufkleber! Wo ist der?“ Die Frau scherzte nicht: Sie hatte immer so kommuniziert. Ich sagte ihr nicht, dass sie mich einmal unterrichtet hatte und ging weiter („He Du, So nicht! Stehenbleiben! Holen dir einen Aufkleber!“). Aber mein Magen fühlte sich so an, wie jedes Mal, wenn die – mittlerweile wohl pensionierte ­ Professorin sich uns zugewandt hatte: Wieso hatte ich mir das früher eigentlich gefallen lassen?

Hundertschaften

Trotzdem: insgesamt war die Sache ganz nett. Und die Hundertschaften an Ex-Schülern aller – von den späten 40er-Jahren bis jetzt – ein ziemlich seltsamer Haufen. Auch, weil da oft tatsächlich kulturelle oder historische Bruchlinien anhand von Jahrgangszahlen erkennbar waren: So kam etwa kaum einer der Männer, die vor 1980 maturiert hatten, krawattenlos. Und im Gegensatz zu ihnen wäre niemand aus meiner Maturageneration auf die Idee gekommen, ihm unbekannte Etwa-Gleichaltrige (+ 7 und - 20 Jahre halt) zu Sie-zen.

Aber auch die 2000er-Maturajahrgänge sietzen alles, was sich bewegte. Bis sie merkten, dass wir alle die gleiche Geschichte hatten: Vor dem Chemiesaal standen zwei Kinder („Maturajahrgang 2004“ las ich mit Entsetzen) und diskutierten: Sie könnten sich nicht an den Vornamen des Chemielehrers H. erinnern. Und hier, auf dem Türschild, stehe der auch nicht. Ein 96-er Jahrgang schaltete sich ein: Den H. habe er auch gehabt – aber der Vorname? „Gute Frage“. Man schwärmte aus – und stellte erstaunt fest, dass H. ein Spektrum von fast 20 Maturajahren abdeckte, dabei immer die gleichen, unvergesslichen (und schlechten) Scherze gemacht hatte und immer stolz gewesen war, uns wissen zu lassen, dass er uns mehr als bloß verachtete. Aber an seinen Vornamen konnte sich niemand erinnern. „Vermutlich hatte H. gar keinen. Der war so trocken und humorlos, dass seinen Eltern schon bei der Geburt nichts eingefallen ist“, mutmaßte ein Jahrgang 1987.

Es war N., die das Rätsel löste: Sie blätterte im Jahresbericht. Aber irgendwie wirkte das fast unsportlich. Aber das passte zu H.: Er war nicht gekommen. Und das, sagte N., sei auch bei früheren Treffen schon so gewesen – und daran, dass er unerreichbar sei, läge das nicht: H. unterrichte schließlich noch. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 07.03.2007)

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