Graffiti als eigenes Medium

11. September 2007, 10:17
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Graffiti sind überall präsent und werden von Sprayern als Medium genutzt. Egal ob an Wänden oder Zügen - nicht jeder kann dieser kreativen Ausdrucksform etwas abgewinnen

Wien - "Züge erreichen die meisten Kunden", erklärt Sozialarbeiterin Stefanie Purer die Gründe für die beliebtesten "spots" - Orte, an welchen Graffitisprayer ihre Bilder anbringen.

Robert* (18), selbst seit zwei Jahren in der Szene tätig, bestätigt diese Aussage, denn für ihn und seine Clique ist es besonders wichtig, dass "die Motive von möglichst vielen Leuten gesehen werden". Wenn man am Abend durch die Straßen streife, gebe es keine vorgefassten Pläne, ob und wie viel heute gesprayt werde. "Ein Schnellmotiv, welches den eigenen Künstlernamen beinhaltet, ist in einer Minute fertig", erzählt Robert. Auch Jaye weiß von den künstlerischen Tätigkeiten zu erzählen: "Jeder hat seinen Namen, der durch Schönheit verbreitet wird."

Purer definiert zwei Arten von Sprayern. Jene, die nur "taggen" - also ihren Namen verbreiten -, und jene, die große Motive sprayen. "Großmotive zeichne ich immer vor, um zu wissen, welche Farben ich verwenden muss", erläutert Robert. Um bei einer solchen Aktion, welche meist fünf Stunden dauert, nicht erwischt zu werden, stehen andere Mitglieder der Gang Schmiere.

"Ich bin anders"

In flagranti ertappt, werden Sprayer einem "24-Stunden-Verhör auf der Wache unterzogen. Viele haben mir erzählt, dass man aufpassen muss, dass einem nicht andere Graffiti angedichtet werden", sagt Purer. "Ich bin anders und individuell - mit meinem Graffiti zeige ich, dass ich da bin." Laut Purer seien solche Einstellungen sehr häufige Beweggründe, um zur Spraydose zu greifen. Meistens treffe das auf Jugendliche der Mittelschicht zu, da das Werkzeug auch nicht billig sei.

Die ÖBB sind stark von den Sprayerattacken betroffen. "Im Jahr 2006 hatten wir einen Gesamtschaden von 947.000 Euro. 600 unserer 3000 Wagons wurden verunstaltet", erklärt Katharina Gürtler, Pressesprecherin der ÖBB, dem SchülerStandard. Wegen den jährlich wachsenden Problemen hat die ÖBB einen eigenen Security-Dienst, der abgestellte Züge in der Nacht bewacht. "Wir haben sogar versucht, des Problems Herr zu werden, indem wir ältere Wagons zum Besprayen zur Verfügung gestellt haben. Dieses Angebot war uninteressant, da der Reiz des Illegalen wegfiel."

Ein anderes Projekt namens "Wiener Wand" wurde von der Stadt Wien entwickelt, um Sprayern legale Flächen für ihre Kunstwerke zur Verfügung zu stellen. Die Wände befinden sich unter anderem an der Donau-Nordbrücke oder der Roßauer Lände. "Hier nimmt einfach jeder eine Dose in die Hand und glaubt, er ist Künstler oder Sprayer", sagt Jaye erregt. Für sie bedeutet draußen zu malen "ein Statement, weil es einfach da ist."

Bei öffentlichen Wettbewerben würden Außenstehende versuchen, zu beurteilen, was gut und was nicht so gut ist, "doch das funktioniert nicht, weil sie nicht wissen, was zählt. Unter uns Sprayern weiß jeder, wer gut ist und wer nicht." Purer meint: "Es ist wie in der Kunstszene. Es muss neu sein und den eigenen Stil unterstreichen."

Fehlende Akzeptanz

Auf die Frage, warum Graffiti in unserer Gesellschaft nicht als Kunst anerkannt ist, antwortet Jaye: "Meist enthält es anarchistische Strukturen und respektiert weder Privateigentum noch ethnische Hintergründe. Ich benutze es als Medium um mich auszudrücken."

Robert findet Spaß am Nervenkitzel, dass "man unter großem Druck - denn die Angst, erwischt zu werden, ist immer präsent - eine gute Arbeit vollbringt. Graffitisprayen ist unsere Droge."

*Der Name wurde von der Redaktion geändert. (Petra Polak, Katrin Krampl/DER STANDARD-Printausgabe, 6.3.2007)

  • Das Bild "queens 06" von der jungen Sprayerin Jaye entstand auf einer legal zur Verfügung gestellten Fläche. Das Graffiti soll sich durch Individualität und den eigenen Stil der Künstlerin abheben.

    Das Bild "queens 06" von der jungen Sprayerin Jaye entstand auf einer legal zur Verfügung gestellten Fläche. Das Graffiti soll sich durch Individualität und den eigenen Stil der Künstlerin abheben.

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