Die Helden der virtuellen Welt

30. Juli 2007, 12:38
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Der Trend zur Breitband-Unterstützung analoger Freundschaften ist ungebrochen - Studentennetzwerke und Communities im Internet gedeihen prächtig

Doch die Gefahr, die reale Bodenhaftung zu verlieren, ist groß.
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Wien/Boston/San Diego/Hannover - Warum nur vier reale Freunde haben, wenn das Internet voll davon ist?

80.000 österreichische Studenten sind im Netzwerk "StudiVZ" bereits registriert. "Das Wachstum in Österreich ist in den letzten vier Wochen um 82 Prozent gestiegen", sagt der Marketingleiter Dario Suter. Die 2005 gegründete Plattform hat im deutschsprachigen Raum über 1,6 Millionen User.

"Der real existierende Freundeskreis wird online abgebildet", grenzt sich Suter von anonymen Communities ab. Online werden die Freunde nicht gegrüßt, sondern "gegruschelt", eine Symbiose aus Grüßen und Kuscheln. "Das ermöglicht eine qualitativ viel hochwertigere Kommunikation untereinander", wirbt Suter für "StudiVZ". Die Anonymität, die an den Unis herrsche, werde dadurch ein wenig aufgehoben.

"Ein Medium, in dem sich die halbe Welt fortbewegt", nennt Daniel Pressl (25) Gemeinschaften wie diese. Im Dezember 2006 gründete der Student für Werkstoffwissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (Boston) die Community "Redwired", die ihm Kontakt zu Kollegen aus aller Welt ermöglicht.

Die Verlagerung vom Realen in den virtuellen Raum nehme zu, weiß auch Online-Aktivist Ricardo Dominguez, Professor für Visual Arts an der Universität von San Diego. Er entwickelte in der Künstlergruppe Electronic Disturbance Theater 1998 "Zapatista", ein Script, das eine Website so oft abruft, dass der Server lahm gelegt wird - eine Methode der Online-Demonstration. "Es war immer meine Überzeugung, dass die virtuellen Sit-ins verankert sein sollten in realen Aktionen - das ist es auch, was ich meinen Studenten vermittle", betont Dominguez. 95 Prozent seiner virtuellen Tätigkeiten hätten ein reales Fundament.

Virtuelles Heldentum

Die Gefahr, sich schleichend zu isolieren, besteht dennoch. Ein Prozent der Internet-User ist abhängig, schätzt Bert Theodor te Wildt von der Medizinischen Hochschule Hannover. Anders die Humboldt Uni, die die Betroffenenzahl bei drei Prozent ansetzt. Internetsucht ist als Diagnose nicht zugelassen, doch: "Es kann für sich als eine Sucht definiert werden", erklärt Psychiater Hubert Poppe vom Anton-Proksch-Institut in Wien. Ein "normales" Userverhalten sei es hingegen, "wenn ich arbeitsbedingt zehn Stunden im Netz bin und mich dann auf meine Freizeit freue".

Auffallen würde Internetsucht zunächst dem Umfeld. "Jemand, der seine sozialen Kontakte hauptsächlich im Internet hat, wird nie das Gefühl haben, sozial isoliert zu sein", erklärt Poppe. Die Gründe für diese Sucht, analysiert te Wildt, lägen in Misserfolgen. "Weil sie in einem autonomen erwachsenen Leben nicht landen konnten, ziehen sie sich zurück in die virtuelle Welt, um dort die Helden zu spielen, die sie in der realen Welt nicht sein können", analysiert er.

Die Arbeit mit Internetsüchtigen ist individuell, doch schwierig, denn völlige Abstinenz ist quasi unmöglich. Aus seiner Erfahrung heraus, weiß Poppe: "Es reicht nicht zu sagen: Okay, ich verzichte aufs Internet. Die zweite Frage, die sich stellt, ist nämlich: Was mache ich denn stattdessen?" (Louise Beltzung, Tanja Traxler/DER STANDARD-Printausgabe, 6. März 2007)

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