Elegant den Alltag neu erfinden

6. März 2007, 13:52
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Möbel und Mode aus ambitionierten Hirnen junger Talente - ein Blick auf die studentischen Werkstätten österreichischer Unis

Wien/Innsbruck - Das Rad neu zu erfinden, ist nicht bloß eine Herausforderung für bornierte Don Quijotes unter Kunststudenten. Hartnäckig an neuen Konzepten für bewährte, aber leider alltägliche Nutzobjekten zu feilen, erfordert Geschick und Fantasie. Etwa der klassische Kühlschrank: Eingepfercht in einer gelblichen Einbauküche der 50er-Jahre, ist das heiß umfehdete Epizentrum mancher WG-Kriege. Schimmel, der über die Käseplatte des WG-Neulings, auf die Soja-Bohnen eines vegetarischen Zimmernachbarn quillt - ein Grund für eine vorzeitige WG-Trennung.

Der Flatshare Fridge, mit dem Arbeitstitel "m IFridge", in Anlehnung an die berühmteste Mosterei in Silicon Valley, zeigt eine Lösung für dieses diffizile Problem im sozialen Studenten-Biotop.

Die unkonventionelle Idee eines Wohngemeinschafts-Kühlschrankes entstand nicht aus dem Nichts heraus, sondern aus Erfahrung: Stefan Buchberger (27) und Martin Färber (21) von der Industrial Design Klasse 2 der Wiener Universität für Angewandte Kunst, wussten wovon sie sprachen. Doch eine praktische Lösung musste erst gefunden werden. "Wir haben uns als Erstes angeschaut, wie das technisch funktioniert", erklärt Buchberger. Denn es genüge nicht, nur eine schöne Hülle zu modellieren.

Darum starteten die beiden Designer eine Umfrage zum Nutzverhalten von Kühlschränken in WGs. Die Antworten ergaben etwa, dass ein WG-Bewohner im Schnitt 50 Liter nutzbares Volumen als Vorratskammer braucht. Um die Intimsphäre von Studenten zu wahren, aber auch den Blick auf ungewöhnliche Hygienestandards zu schützen, wurde "m IFridge" eigens designt: Jeder Benutzer hat sein individuelles Modul von 84 Liter Fassungsvermögen. Gemeinsam genützt werden nur der Kühlkreislauf des Basismoduls und das dort eingebaute Tiefkühlfach.

"Uns war wichtig, dass man die Module beim Umzug einfach mitnehmen kann", betont Buchberger. Auch das individuelle Außendesign weist die Persönlichkeit des Benützers aus. Die Semesterarbeit wurde bis jetzt nur am Computer modelliert, doch ist es Buchberger ein Anliegen, "dass unsere Projekte umsetzbar und leistbar sind".

Kopfüber inspiriert

Einige Räume von der Kühlschrank-Gruppe entfernt entstand unter der Assistenz von Marcus Bruckmann an der Angewandten Wien das Projekt "kopfueber", eine Abschlussarbeit für den ersten Abschnitt. Die Inspiration war auch hier eine alltägliche Beobachtung. "Frauen benützen im Sommer oft eine Sonnenbrille um ihre Haare zu bändigen", erklärt Patrycja Domanska (21). Das Problem dabei trete bei Sonnenschein auf, denn ab dann muss die Brille einem doppelten Anspruch gerecht werden: Einerseits soll sie Haarsträhnen aus dem Gesicht halten, andererseits aber auch eine gedämpfte Sicht auf die Umgebung ermöglichen. Eine neue Brille zu designen war Domanska zu wenig, denn da könne nicht mehr viel revolutioniert werden: "Also machte ich die Brille unselbstständig und verband sie mit einer Kopfbedeckung." Auf dem Weg zu einer umsetzbaren Interpretation ihrer Vorstellung, entwarf sie etwa den Wickelturban und die Mützenbrille (siehe Fotos).

"Diese Nische zwischen der Idee und dem Designen ist das Schwierigste", betont Domanska. "In einer Schaffenskrise helfen da andere durch ihren objektiveren Blick." Wenn man in einer "subjektiven Vision" feststecke, würden Kollegen und Assistenten auf Möglichkeiten und Fehler aufmerksam machen.

Ihr pinkfarbenes Endergebnis, erklärt Domanska, sei die beste Lösung: "Das Haarband bietet die größte Freiheit. 'kopfueber' sitzt nicht auf Nase und Ohren auf, erzeugt keine unangenehmen Druckstellen wie konventionelle Brillen." Damit wolle sie eine Alternative für besondere Anlässe schaffen. Ebenso auffällig, aber dies vor allem durch seine Uneindeutigkeit, ist ein Projekt aus Innsbruck: "lil'u" ist Sofa, Spielzeug und Röhre zugleich. Mit dem unkonventionellen Polstermöbel gewannen Sibylle Heinz (24), Nina Wechner (29) und Katharina Treml (25), Architekturstudentinnen der Uni Innsbruck, einen Anerkennungspreis beim ersten Ideenwettbewerb 2007 von Kohlmaier Wien.

"Es entstehen oft Treffpunkte an Orten, die nicht dafür gedacht waren", erklärt Robert Veneri, Architekturprofessor und Leiter des Seminars, in dem sich "lil'u" entwickelte. Das Rohrmöbel ist als Objekt konzipiert, das den Raum um eine Säule herum besetzt. "Eigentlich ein totaler Unort", erklärt Wechner. Die Leichtigkeit, das Schattenspiel, die Verwendungsfreiheit für den Einzelnen - diese Aspekte waren bei der Arbeit vordergründig. "lil'u" sollte eine Präsenz im Innen- und Außenraum erschaffen, ohne diesen durch plumpe Masse zu besetzen.

Am langwierigsten gestaltete sich die Umsetzung der Idee, bestätigen die Studentinnen. "Wie fühlt es sich an? Das war auch wichtig", erzählt Wechner. Das Rohrmöbel sollte zugleich hart und weich sein. "Die Art des Sitzens ist die, die sich der Be-Setzer auswählt", erzählt Veneri. "Sie wird zum persönlichen Ausdruck. Wie die Art sich zu kleiden, zu kommunizieren, sich zu bewegen. Besonders die Jugend braucht ihre Ausdrucksformen." (Louise Beltzung, Georg Horvath/DER STANDARD, Printausgabe, 6. März 2007)

  • Martin Färber mit dem WG- Kühlschrank.
    foto: standard/privat

    Martin Färber mit dem WG- Kühlschrank.

  •  Katharina Treml auf "lil'u.
    foto: standard/privat

    Katharina Treml auf "lil'u.

  • Artikelbild
    foto: standard/kohlmaier
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