Forderung nach "Fettsteuer"

26. Juli 2007, 12:56
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Ernährungsmediziner zieht Vergleich mit Mineralölsteuer - Konkrete Maßnahmen und konzertierte Aktionen notwendig

Wien - Konkrete Maßnahmen zur "Eindämmung der Fettsucht-Epidemie" in Österreich forderte der Ernährungsmediziner Kurt Widhalm im Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten in Wien. So schlägt der Experte unter anderem eine Fettsteuer vor. "Man könnte bestimmte fettreiche Produkte mit einem Aufschlag ähnlich der Mineralölsteuer belegen und im Gegenzug Obst und Gemüse verbilligen", so Widhalm.

Ernährungsbericht

Der aktuelle Ernährungsbericht des Gesundheitsministeriums hat erst am Montag gezeigt, dass die Österreicher zu viel und zu fett essen. Dadurch haben 35 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen Übergewicht, jeweils sechs Prozent beider Geschlechter sind fettsüchtig (adipös).

Kampf gegen Übergewicht

Widhalm, der kürzlich an einer Minister-Konferenz der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Kampf gegen das Übergewicht teilgenommen hat, erklärte, dass in Europa Übergewicht bereits die häufigste gesundheitliche Störung im Kindesalter ist. Bei anhaltendem Trend werde es in Europa 150 Millionen fettsüchtige Erwachsene und 15 Millionen adipöse Kinder und Jugendliche geben. Für Männer werde sich deshalb bis 2050 die Lebenserwartung um durchschnittlich fünf Jahre verringern.

Österreich habe zwar bei der Konferenz die "Europäische Charta zum Kampf gegen Übergewicht" unterzeichnet, in der sich die Staaten unter anderem verpflichten, "das Thema auf der politischen Tagesordnung hoch anzusiedeln". Doch im neuen Regierungsprogramm hat Widhalm den Bereich Übergewicht vergeblich gesucht. Und auch im Gespräch mit Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (ÖVP) habe sich deren "Sensibilität für dieses Thema in Grenzen gehalten", so der Experte.

Übergreifende Aktionen

Dabei seien sich die Konferenz-Teilnehmer einig gewesen, dass die Epidemie umkehrbar sei, "wenn wir Maßnahmen setzen", sagte Widhalm. Damit meint der Experte aber nicht Diätpläne, die mit Schlagworten wie "Fünf Kilo weniger in sieben Tagen" werben. Das löse die Probleme in keiner Weise und sei sogar gefährlich. Notwendig seien vielmehr "konzertierte Aktionen, die alle Ebenen inkludieren", von der Schule über Lehrer bis zu Eltern, von der Politik bis zu Unternehmen.

Konkret fordert Widhalm etwa Schulprojekte, die auch evaluiert werden. Man müsse auch in der Ausbildung der Ärzte und Lehrer ansetzen, um sie für das Thema zu sensibilisieren. Die Zahl der Turnstunden müsse auf mindestens vier pro Woche ausgeweitet werden, ein Anliegen, mit dem Widhalm bisher bei Ministern auf taube Ohren gestoßen ist. Gesundheitsschädliche Transfettsäuren, wie sie zur Herstellung von Gebäck, Kartoffelchips oder Fast-Food-Produkten eingesetzt werden, müssten verboten werden, New York sei hier mit gutem Beispiel vorangegangen.

Rolle der Forschung

Schließlich müsste die Forschung in diesem Bereich verstärkt werden, vor allem was die Wirksamkeit von Therapien und Maßnahmen betrifft. So gebe es etwa aus den Schulen zahlreiche Daten über Größe und Gewicht der Kinder, die man regional und altersabhängig auswerten könnte - gäbe es nur Geld für Studien. Widhalm kritisiert, dass Maßnahmen häufig gesetzt würden, ohne im Anschluss zu kontrollieren, was sie gebracht haben. So führe der österreichische Adipositas-Bericht mehr als 70 Maßnahmen an, "von denen keine einzige evaluiert wurde".

Für die Bewertung mancher Maßnahmen bedarf es allerdings gar keiner Studien, da reiche schon der Hausverstand: So zahlt laut Widhalm die Krankenkasse zwar die Magenverkleinerung fettsüchtiger Jugendlicher, eine Fettsucht-Therapie davor allerdings nicht. "Das ist grotesk", meinte der Experte. (APA)

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