"Ein Donnerwetter der Grausamkeit"

2. April 2008, 18:43
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Das niederöster­reichische Donaufestival findet heuer ausschließlich in Krems statt: Der künstlerische Leiter, Tomas Zierhofer-Kin, im STANDARD-Interview

STANDARD: Wie balanciert das donaufestival seinen Anspruch zwischen Pop und Avantgarde?

Zierhofer-Kin: Heute ist klar, dass die Popkultur ein Austragungsort von Kunst und Kunstkonzepten geworden ist. Das fehlt bisher in Österreich. Aber es gibt spannende Kunst, die sich nicht mit der Tradition von Hochkultur und Pop aufhält. Balancieren stimmt insofern, als dass es Acts gibt, die eine stärkere Pop-Affinität aufweisen, während andere eher avantgardistisch zu sehen sind. Deshalb auch das Bambi-Beispiel im Programmheft, das die gewagte Hypothese aufstellt, dass mit seiner Ermordung seiner Mutter Pop seine Unschuld schon 1942 verloren hat. Prinzipiell versucht das donaufestival das Publikum mit Projekten zu konfrontieren, mit denen es nicht rechnet. Und wir wollen da durchaus Fallen stellen.

STANDARD: Das Programm wirkt stellenweise missionarisch. Etwa mit der Präsentation von Gang of Four, den wesentlichen Ideengebern heutiger Stars wie Franz Ferdinand, Maximo Park, The Rapture ... Ein pädagogisches Anliegen?

Zierhofer-Kin: Zumindest sanft messianisch. Je mehr der Markt in die Popkultur drängt, desto mehr kommt ihm das Geschichtsbewusstsein abhanden. Für mich ist das eine Frage der Positionierung: Als Festival können wir Pioniere und Klassiker - und was aus ihrem Einfluss geworden ist - gegenüberstellen.

STANDARD: Wie schwierig ist es, sich als nicht kommerziell ausgerichtetes Festival gegenüber der kommerziellen Konkurrenz zu behaupten?

Zierhofer-Kin: Das Publikum merkt ja schnell, dass beim donaufestival etwas anders läuft. Das wird niemand verwechseln. Aber wir müssen uns permanent gegen die Pop-Sause und ihre Geschäftsstrukturen wehren, in denen nur noch monetäre Gesichtspunkte zählen. Wir versuchen daher Spezialprojekte anzubieten, wie heuer zum Beispiel das David Tibet Project (siehe unten stehenden Artikel).

STANDARD: Dazu gibt es so etwas wie Themenabende: Auf Basis welcher Überlegungen entstehen diese?

Zierhofer-Kin: Das ist schwierig, weil wir diese im Zusammenhang mit dem performativen Aspekt des Festivals sehen wollen. Bei den heuer gebotenen 105 Einzelveranstaltungen können und sollen unvorhersehbare Kontexte entstehen. Prinzipiell interessiert uns zuerst einmal ein Künstler, dann versuchen wir darum etwas aufzubauen. Ein Beispiel sind die Parenthetical Girls. Bei denen geht es um Kindesmissbrauch - dazu hat sich die Big Art Group mit dem "Dead Set" angeboten. Dann lag das Queer- und Transgender-Thema nahe, und so kamen Kids On TV dazu. So ergeben sich Konglomerate, die hoffentlich sinnstiftend sind.

STANDARD: Wie bildet das donaufestival die Verschränkung von Pop mit anderen Kunstformen ab?

Zierhofer-Kin: Unser Eröffnmungsabend soll da quasi als gemischtes Vorspeisenbuffet wirken, bei dem sich die Besucher einen Überblick verschaffen können, was da noch kommt. Neben Pop und seinen Randbereichen sind das auch Spiele, Performance und Internetkunst. Wobei wir versuchen, das abseits der üblichen und nichtssagenden Bunte-Bildchen-mit-Musik-Schiene zu fahren - etwa mit den Pionieren dieser Kunst, Addictive TV und Ryoichi Kurokawa, der mit seinem Schlagzeug Bildsequenzen aus Kriegsreportagen usw. generiert.

STANDARD: Wo liegt die Brücke zwischen Musik- und Performanceprogramm?

Zierhofer-Kin: Die liegt im Industrial bzw. in Antonin Artauds "Theater der Grausamkeit". Sein Anspruch einer metaphysischen, entgrenzten Darstellung spiegelt sich im Industrial der 70er-Jahre wider, als innerhalb des Pop mit Throbbing Gristle ein Donnerwetter der Grausamkeit hereinbrach. Die Programmstränge des donaufestivals markieren diese Austragungsorte von inneren Kämpfen und damit des wilden Auslebens grausamer Fantasie. Das trifft im Besonderen auf die Big Art Group zu, die in ihrer maßlos- hysterischen Arbeit die (amerikanische) Medienmaschine zerlegt und damit Strukturen ("Informationen") offen legt - ein Ansatz, der auch bei Throbbing Gristle schon relevant war.

STANDARD: Theater steht hier im Kontext von Popkultur.

Zierhofer-Kin: Die äußere Form des Theaters ist generell eine andere geworden. Durch Gruppen wie Showcase Beat Le Mot fühlen sich auch popkulturell sozialisierte Menschen angesprochen. Hier gilt: Ihr könnt rauchen und trinken, ihr kriegt ein Spanferkel oder ihr könnt rausgehen. Das sind Freiheiten, die im bürgerlichen Theater, das von A bis Z eigentlich nur erzählen will, nicht gegeben sind. Wobei der Ansatz von Showcase ein ganz zynischer ist, weil ihre Arbeiten im Prinzip in der total altlinken Tradition des Lehrstücks stehen.

STANDARD: Brecht schmeckt mit Rum halt besser?

Zierhofer-Kin: Genau. Insofern ist der Begriff "Boygroup der Performancekunst" ein Fake.

STANDARD: Der Performancebereich hat sich heuer erweitert, um die Ebene des "Spiels". Wohin führt das?

Zierhofer-Kin: Ich möchte die Verknüpfungen verstärken. Dahingehend, dass auch die große Musikbühne zur Performancebühne wird. Das soll so weit gehen, dass ich als Zuseher nicht mehr weiß: Ist das jetzt eine Abfolge von vier Konzerten oder zwei Konzerten und zwei Performances? Dieses Verwirrspiel mit Genres möchte ich weitertreiben.

STANDARD: Und die "Spiele"?

Zierhofer-Kin: Es ist ein Ausbruch innerhalb der performativen Struktur, die dann Internet, GPS, Satellit und Mobiltelefonie miteinander verschränkt. Wir müssen der neuen Schauspielleitung der Wiener Festwochen - und jetzt auch den beiden designierten dietheater-Leitern - eben einen Schritt voraus sein! Diese zwischen Performance und Medienkunst angesiedelten Spiele sind nicht neu, aber hier hat sie einfach noch niemand gemacht.

STANDARD: Vieles im Programm verweist auf die 60er-Jahre. Ist das der Geist eurer Träume?

Zierhofer-Kin: Was im Performancebereich damals von Japan oder Amerika ausging, ist enorm. Es war radikal, und es ist nie eingelöst worden, weil es eben gedacht ist. Wir haben viel "Historisches" dabei. Und ich finde es gut, wenn man diese historischen Referenzpunkte bei so einem Festival nicht negiert. Man darf nur nicht der Bewunderung historischer Modelle verfallen.

STANDARD: Bei welchem Programmpunkt fließt ganz besonders viel Herzblut?

Zierhofer-Kin: Oje, das ist ganz schwierig zu beantworten, aber jemanden wie Throbbing Gristle bieten zu können, die sonst nur bei der Biennale oder in der Tate Modern auftreten, das ist natürlich schon sehr erbauend. (Margarete Affenzeller und Karl Fluch /SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 06.03.2007)

Zur Person
Tomas Zierhofer-Kin
studierte u. a. Philosophie, Musikwissenschaft und Kulturmanagement in Wien und Salzburg. 1993 bis 2001 war er künstlerischer Leiter von "Zeitfluss" bei den Salzburger Festspielen, später Kurator der Wiener Festspiele und der Szene Salzburg. Seit 2005 leitet er das donaufestival.
  • Tomas Zierhofer-Kin schlägt beim donaufestival Brücken zwischen Pop, Avantgarde und Theater. Verwirrspiele und dabei
eventuell auftauchende Fallen nimmt er bewusst in Kauf.
    foto: standard/heribert corn

    Tomas Zierhofer-Kin schlägt beim donaufestival Brücken zwischen Pop, Avantgarde und Theater. Verwirrspiele und dabei eventuell auftauchende Fallen nimmt er bewusst in Kauf.

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