Die Rollenentwicklung als Lebensaufgabe

5. März 2007, 23:20
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Seit 56 Jahren steht Sopranistin Anja Silja auf der Opernbühne - und sie singt noch im­mer: Für Schönbergs "Pierrot lunaire" ist die legendäre Sopranistin Dienstag in Wien

Wien - Sie war gerade einmal zwanzig, als sie 1960 bei den Bayreuther Festspielen als Senta im Fliegenden Holländer debütierte. Schon mit zehn Jahren hatte sie Konzerte gegeben und dabei - den damaligen Kritiken nach zu schließen - wie eine Erwachsene geklungen. Mit 16 sang sie die Rosina im Barbier von Sevilla, mit 19 die Königin der Nacht in der Zauberflöte.

Doch obwohl der Rest der beispiellosen Karriere der Anja Silja längst der Operngeschichte angehört und ihr Name von Enthusiasten mit jenem fast ungläubigen Respekt ausgesprochen wird, wie man ihn nur jemandem entgegenbringt, der schon zu Lebzeiten zur Legende wurde - wenn man ihr dann gegenübersitzt, hat die Sopranistin rein gar nichts von jenen Zügen, mit denen auch weniger bedeutende Vertreterinnen ihres Fachs das Klischee der kapriziösen Diva zuweilen nähren.

Vielmehr strahlt sie eine lebhafte Natürlichkeit aus, die schon ihre großen Wagner-Partien ausgezeichnet hatten. Ganz unprätentiös beantwortet sie denn auch die Frage, was denn die große Anja Silja in den kleinen und fast vergessenen Wiener Ehrbar-Saal führt, in dem der unermüdliche Clemens Horvat nun die Konzertreihe der "Stadtinitiative Wien" veranstaltet.

Silja: "Ich finde es gigantisch, dass sich jemand persönlich so einsetzt, mit allem Risiko. Solche Idealisten wie Herrn Horvat gibt es ja kaum noch. Wenn jemand mit solcher Begeisterung arbeitet, muss man sich einfach daran beteiligen, man kann nicht immer nur an den Kommerz denken."

Der Pierrot lunaire, den Anja Silja in Wien bereits zweimal, zuletzt bei den Wiener Festwochen, gegeben hat, und der von Arnold Schönberg darin entwickelte "Sprechgesang" bringt sie auf die Bedeutung des Wortes in der Vokalmusik zu sprechen: "Sprache ist für mich ungeheuer wichtig, der Ausdruck des Wortes beschreibt die Musik und umgekehrt. Für die Textdeutlichkeit und die Betonung des Wortes streite ich mein ganzes Leben lang, genauso wie es Wieland Wagner getan hat."

Mit dem Enkelsohn Richard Wagners ist jener Name gefallen, der für die junge Sängerin den entscheidendsten künstlerischen Einfluss bedeutete: Seit den Fünfzigerjahren hatte er im "Neuen Bayreuth" die Opernregie revolutioniert, indem er die bislang gepflegten naturalistischen Bühnenbilder abstrahierte oder ganz auf sie verzichtete und sich stattdessen auf die Personen konzentrierte und deren Gefühlsleben minutiös freilegte: "Das hat mich für das Leben geprägt. In meiner Jugend hat mich nur die Figur Wieland Wagner fasziniert, danach habe ich gelebt und gestrebt."

So entstanden in nur sechs Jahren über dreißig gemeinsame Inszenierungen einer künstlerisch idealen Paarung, die sich auch ins Private erstreckte. In ihren Erinnerungen (Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, Parthas Verlag) erzählt Silja mit großer Offenheit von dieser Zeit und entwirft ein aufschlussreiches Porträt Wieland Wagners, der "auf der Bühne sichtbar machte, was er in Worten nicht ausdrücken konnte."

Was hat Anja Silja dafür getan, um ihre berühmte Identifikation mit den jeweiligen Rollen zu erreichen? "Als junges Mädchen musste ich dafür gar nichts tun. Viele Rollen bei Richard Wagner sind unbewusste Jugend, und das war ich ja damals. Wenn man älter wird, muss man dann ein Stück von sich selber in die Rollen geben. Das Fatale an Wagner ist, dass er keine Lebenserfahrung fordert, sondern genau das Gegenteil - seine Figuren sind ja fast alles junge Menschen. Die Geschichte von Tristan und Isolde ist eine Teenagerliebe - ein Mensch mit Erfahrung würde so einen Schmarren nicht machen, und das ist bei fast allen Wagner'schen Rollen so. Wenn dann ein Sänger mit vierzig, fünfzig Jahren kommt und seine Lebenserfahrung in die Rolle einbringt, ist das völlig fehl am Platz. Ab einem bestimmten Alter geht es dann nur noch um das Singen, um das Durchhalten - ob er's schafft oder nicht."

Perfekt ist langweilig

Liegt in der Konzentration auf technische Aspekte des Singens ein Trend unserer Zeit? "Die Schallplattenindustrie war der Totengräber des Ausdrucks, weil es nur noch perfekt und schön sein musste - für meinen Geschmack ist das langweilig, wenn alles gleich schön ist. Wenn man immer nur schön singen muss, ist das für mich eine ganz falsche Vorstellung von Oper - eine Nivellierung von Ausdrucksmöglichkeiten."

Dabei ist der Sopranistin das Erkunden neuer Möglichkeiten des Ausdrucks nach wie vor wichtig, auch in der langjährigen Auseinandersetzung mit ein und derselben Rolle - wie der Emilia Marty aus Leos Janáceks Die Sache Makropulos, die sie seit dreißig Jahren singt: "Die Entwicklung, die ich mit dieser Rolle gemacht habe, ist enorm. Wie ich sie heute empfinde und darstelle, ist völlig anders. Es ist eine Lebensaufgabe für die eigene Entwicklung, dass man nicht zum Stillstand kommt, sondern immer wieder etwas anderes aus den Rollen hervorbringt. Das ist eine Faszination, die mir erhalten geblieben ist." (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 06.03.2007)

6. 3., 19:30 Uhr
Ehrbar-Saal, Mühlgasse 30, 1040 Wien
Bei der Aufführung von Arnold Schönbergs "Pierrot lunaire" mit Anja Silja rezitiert Nicole Heesters Gedichte aus Albert Girauds gleichnamigem Zyklus.
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    Die gänzlich undivaeske Sopranistin Anja Silja ist Dienstag Abend im Wiener Ehrbar-Saal zu erleben.

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