Rollend um die Runden kommen

14. Jänner 2008, 10:06
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Um der "Barrierefreiheit" der Unis nachzugehen, bewegte sich der UniStandard einen Tag lang im Rollstuhl durch die Institute

Fazit: Wer improvisiert, kommt (fast) überall hin.

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Wien - Wie studiert es sich aus Sicht derer, die nicht durch den Uni-Alltag gehen, sondern rollen? Mit dieser Frage haben wir uns über Lifte und Rampen zu Hörsälen, Mensen und Bibliotheken aufgemacht: Selbst im Rollstuhl sitzend mit dem Ziel, unüberwindbare wie rollstuhlgerechte Zustände selbst zu erfahren.

Neues Institutsgebäude: Schon zehn Minuten nach Beginn unserer Rundfahrt stehen wir zum ersten Mal - vor der Treppe am Haupteingang. Stufenlos ist nur der Eingang an der Rückseite des Gebäudes.

Zwei Lifte bringen uns zu allen Instituten. Allein die Mensa im siebenten Stock muss über den Personalaufzug angefahren werden. Auch die Bewegung in der Mensa selbst ist nicht ganz unkompliziert: Der Gang bei der Essensausgabe ist zu eng für den Rollstuhl - man muss sich über die Absperrung beugen.

Den Liftschlüssel erhalten wir vom aufmerksamen Portier, der uns gleich anspricht und seine Hilfe anbietet, als er den Rollstuhl sieht. Persönlich macht er uns mit den Örtlichkeiten vertraut und begleitet uns beim Umweg durch den Keller, der in Kauf genommen werden muss, um die Hörsäle II und III anzufahren.

Die Schlüsselrückgabe bedeutet einen weiteren Umweg, da nur wenige Meter, aber einige Stufen den Eingangsbereich von der Portierloge trennen. Also: hinten raus, einmal ums Haus, vorne rein und Schlüssel abgegeben.

Uni Wien: Alles wie immer - derzeit Baustelle! Sowohl der Lift beim Audimax als auch der Aufzug in der Aula sind außer Betrieb, das heißt, das Gebäude ist nicht stufenlos befahrbar. Der Portier muss einspringen, und zu zweit lässt sich der "Rollstuhl samt Studentin" über das Dutzend Stufen in die nächste Etage hieven. Die Bibliothek erreichen wir über einen weiteren - glücklicherweise intakten - Aufzug.

Eine Angestellte erklärt, dass Studenten im Rollstuhl oder mit Kinderwagen nicht den Gang zu "Mahnspesen und Rückgabe" hinunter müssen, sondern direkt bei der Buchausgabe zurückgeben können. Sie begleitet uns im Lastenaufzug zum Lesesaal.

Juridicum: Über die Lifte des modern konzipierten Gebäudes können wir im Rollstuhl unkompliziert alle Hörsäle erreichen. Die Rampe ist solo nur von sehr athletischen Rollstuhlfahrern zu bewältigen. Wir sind auf halber Strecke stehen geblieben. "Solche hatten wir schon einige hier", erzählt uns der Portier und meint damit Jus-Studenten im Rollstuhl. "Das sind meistens die, die auch fertig machen", fügt er lächelnd hinzu.

Wirtschaftsuniversität: Hungrig rasen wir auf direktem Weg zur WU-Mensa, müssen jedoch kehrtmachen und einen Umweg durchs Hauptgebäude nehmen. Die Mensa selbst ist mit ihren breiten Gängen und der niedrigen Essensausgabe rollstuhlgerecht konzipiert.

Selfmanagement wird an der WU groß geschrieben - ein eigener behindertengerechter Formularautomat steht zur Verfügung. Allein der Bankomat und der Kartenschlitz am Kaffee-Automaten - wenn auch hier ein Unikum von allen anderen angesteuerten Plätzen - sind aus dem Sitzen kaum erreichbar.

"Ganz behindertengerecht ist dieses Haus nicht", gibt ein Bibliotheksmitarbeiter zu und spielt damit auf die zwei Stufen am Eingang und den knap- pest bemessenen Lift an. In den Lesebereich, wo auch die Handapparate stehen, kommen wir nur mit seiner Hilfe. Er erzählt uns, dass pro Jahr ein bis zwei Rollstuhlfahrer an der WU studieren.

Campus Altes AKH: ÖH, Hörsaal C und die einzelnen Institute können wir direkt anfahren. Das Sprachenzentrum ist das einzige tatsächliche unbefahrbare Areal, auf das wir stoßen. "Alle Kurse, die im Sprachenzentrum selbst stattfinden, sind ein Problem", gesteht die Dame bei der Anmeldung. "Einmal haben sich Studenten bereit erklärt, ihren Kollegen für die Kurse hinauf und hinunter zu tragen."

Technische Universität: Das Freihaus der TU ist über breite Aufzüge gut erschlossen. Das alte Hauptgebäude der TU können wir über die Seiteneinfahrt stufenfrei erreichen. Außerdem ermöglicht ein automatischer Türöffner einen unkomplizierten Zugang ins Gebäude. Über Stiege drei und sieben hat man im Gegensatz zum Haupteingang barrierefreien Zugang.

Wiener Linien: Größeres Problem als die Fortbewegung in den Hochschulen selbst ist der Weg von und zu der Uni: In der Althanstraße müssen wir 45 Minuten lang sechs Hochflur-D-Wägen in Folge passieren lassen. Dass in die Gegenrichtung Niedrigflurwagen auf Niedrigflurwagen folgt, entschädigt uns kaum.

Noch gar keine behindertengerechten Wägen verkehren laut Auskunft der Wiener Linien bei den Straßenbahnzügen N, 5, 9, 10, 18, 37, 38, 40, 41, 42, 52, 58 und 62. Außerdem gibt es an der U-Bahn-Station Schottenring keinen Aufzug. Bis 2009 soll laut Wiener Linien ein Drittel der Züge auf Niederflurgarnituren umgerüstet werden.

Conclusio: Zwar ist Studieren in Wien nicht barrierefrei, aber trotz Barrieren möglich. Um sich mit Kinderwagen oder im Rollstuhl durch den Uni-Dschungel zu schlagen, sind jedoch regelmäßig zeit- und nervenraubende Umwege in Kauf zu nehmen. (Josef C. Ladenhauf Tanja Traxler/DER STANDARD Printausgabe, 6. März 2007)

Der Rollstuhl wurde uns mit freundlicher Unterstützung der Firma "bständig" zur Verfügung gestellt.
  • Entscheidene Rollen beim barrierefreien Studienzugang spielen Rampen und Lifte.
    foto: standard/newald

    Entscheidene Rollen beim barrierefreien Studienzugang spielen Rampen und Lifte.

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