"Dritter Mann" visiert Platz eins an

12. März 2007, 18:16
18 Postings

Der spektakuläre Aufstieg des französischen Mittepolitikers François Bayrou bestätigt sich in jüngsten Umfragen

Der spektakuläre Aufstieg des französischen Mittepolitikers François Bayrou im Präsidentschaftswahlkampf bestätigt sich in jüngsten Umfragen. Die Hauptrivalen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal versuchen gegenzusteuern.

*****

François Bayrou kommt in einer neuen Meinungsumfrage für den ersten Durchgang der französischen Präsidentschaftswahlen am 22. April auf 18,5 Prozent der Stimmen. Wie die Zeitung Le Figaro am Montag berichtete, hat er seit der letzten Erhebung von Mitte Februar um 50 Prozent zugelegt. Der konservative Innenminister Nicolas Sarkozy erzielt noch 31 Prozent (minus zwei Punkte), die Sozialistin Ségolène Royal bleibt bei 25,5 Prozent stabil.

Dass Bayrou das Sympathiepotenzial seiner christlichsozialen „Union pour la Démocratie Française“ (UDF) von üblicherweise rund sechs Prozent quasi über Nacht verdreifachen konnte, hat eine einfache Erklärung: die Skepsis vieler Franzosen gegenüber den beiden führenden Kandidaten. Seit Wochen kommt in Sachumfragen immer wieder die „Beunruhigung“, ja „Angst“ vor einem als ehrgeizig und unberechenbar empfundenen Sarkozy zum Ausdruck; Royal wiederum weckt bis tief in die Sozialistische Partei (PS) hinein Zweifel an ihrer präsidialen Statur.

In einer wenig beachteten Umfrage erhält der frühere Bildungsminister Bayrou bei der traditionell sozialistisch wählenden Lehrerschaft heute fast gleich viele Sympathiestimmen wie Royal. Der aus den Pyrenäen stammende Bauernsohn und Pferdezüchter scheint nicht nur im ländlichen Frankreich, sondern auch bei dem politisch wenig festgelegten und proeuropäischen Bildungsbürgertum gut anzukommen. Die Politologin Dominique Reynié spricht deshalb von „gemäßigten Protestwählern“.

Duell nicht sicher

Doch wie groß sind Bayrous Chancen, in den zweiten Wahlgang am 6. Mai vorzustoßen? Sicher ist bisher nur eines: Das erwartete Szenario mit einem Duell zwischen Sarkozy und Royal ist plötzlich nicht mehr garantiert. Und genau das wollen offenbar jene Franzosen erreichen, die sich in den jüngsten Umfragen für Bayrou aussprechen. Der 55-jährige Mittepolitiker muss erst noch den Tatbeweis erbringen, dass seine Idee einer großen Koalition von links bis rechts, wie sie derzeit in mehreren europäischen Ländern praktiziert wird, in Frankreich realisierbar ist.

Selbst wenn Bayrou Präsident würde, hätte er bei den anschließenden Parlamentswahlen im Juni Mühe, eine tragfähige Mehrheit in der Nationalversammlung für eine von ihm ernannte Regierung zu erhalten.

Ernst genommen

Trotzdem werden er und die UDF in Paris wohl erstmals überhaupt ernst genommen. In den Clinch gerät vor allem Royal, die auf ihrer Linken bereits durch trotzkistische und ökologische Kandidaten bedrängt wird und sich nun auch gegen die Mitte hin absichern muss.

Sarkozy muss seine bisherige Linie ebenfalls überdenken. Am Montag ging er bereits von seinem bisherigen wirtschaftsliberalen Kurs ab und forderte eine Erhöhung des Staatsanteils beim kriselnden Airbus-Unternehmen. Noch in der vergangenen Woche hatte er jeden zusätzlichen Einfluss des Staates strikt ausgeschlossen. Bayrou schlägt seinerseits eine staatliche Intervention auf Ebene der EU vor. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 6. März 2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Für ein "Frankreich mit all unseren Kräften": François Bayrous Plädoyer für eine breite Koalition scheint anzukommen.

Share if you care.