Die Macht der Medien

14. März 2007, 16:23
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K. schreibt, er sei sicher, dass ihm das Banner aufgefallen wäre, wenn es schon früher hier gehangen hätte

Es war vorgestern. Da hat mir K. ein Mail geschickt, dem ein verwackeltes Handyphoto beigelegt war. Seither bin ich ein glücklicher Mensch. Weil ich den Beweis habe, dass Journalisten tatsächlich die Welt verändern können. Sogar dann, wenn sie es gar nicht bemerken.

Ich kenne K. nicht. Und K. hat seinem Pic nur ein paar Zeilen beigefügt: Er habe in der letzten Stadtgeschichte erfahren, dass er jeden Tag fast an meiner Wohnung vorbeifahre. Und abgesehen davon, dass das keine Rolle spiele, sei ihm ein paar Tage nach der letzten Geschichte dann aber etwas Anderes aufgefallen. Eine Veränderung.

Unsicherheit

Obwohl, meint K,. er nicht zu 100 Prozent sicher sei, ob das wirklich eine Veränderung ist. Aber andererseits halte er sich nicht unbedingt für einen Ignoranten, sondern einen Menschen, der mit offenen Augen durch die Stadt fahre. Und wenn ihm da schon früher ein rotes Banner auf weißer Fassade entgegengelacht hätte, meint K., dann hätte er es bemerkt. Erst recht dann, wenn er dort mit dem Auto jeden Tag einen Haken schlage.

Auf dem Pic das K. da aus dem fahrenden Auto geschossen hatte, war aber nur ein roter Streifen zu sehen. Auf einem Haus, das mir bekannt vorkam. Also ging ich nachschauen. Und tatsächlich: Da hing es. Am Amtshaus. Rot und prächtig. Und genau dort, wo ich die Botschaft, die mein Bezirkschef bisher (quasi) exklusiv für mich am Prunkbalkon seines Hauses aufgezogen gehabt hatte, letztens für massentauglicher platziert erklärt hatte.

Blind?

War ich blind gewesen? Hatte ich das Banner ums Eck von meinem wirklich über Monate ignoriert, übersehen und nicht beachtet? Obwohl ich mehrmals täglich vorbeikomme? Und beim Warten darauf, dass ich am Zebrastreifen nicht totgefahren werde, meist gerade über Grünräume (drei Meter weiter ist die – äh – „Grünfläche“, an der mir mein Hundekoteinsammeln mittlerweile schon zum dritten Mal fast Watschen eingetragen hätte) und die Definition von Lebensqualität in der Stadt nachdenke?

Aber auch A., unsere Nachbarn und ein paar Menschen der Umgebung waren sicher, das Transparent hier, an der verkehrsintensiven Seite vor der ersten Erwähnung des anderen, nach wie vor am Balkon hängenden Banners vor wenigen Tagen in dieser Rubrik nie, nie gesehen zu haben. Und auch sie sind sicher, dass sie so ein feines Wohlfühl-Transparent sicher nicht übersehen hätten: Das Ding vor meinem Fenster hätten sie schließlich doch alle gekannt.

Egal: Journalisten, meint K. in seinem Mail, könnten also doch die Welt verändern. Und das sei ein beruhigendes Gefühl. Weil das, was sie verändern, ja nicht immer – wie in diesem Fall - völlig wurscht sein muss. Manchmal, meint K, könnte es ja durchaus Sinn machen. Und weil ich ihm diesen fast kindlichen Glauben an die positive Macht der Presse wieder gegeben habe, endet K., habe er beschlossen, sich ab jetzt jedes Mal, wenn er das Margaretener Banner sieht, zu freuen. Auch wenn das vielleicht ein bisserl naiv klingt. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 05.03.2007)

Nachlese
Das Banner
  • Artikelbild
    foto: thomas rottenberg
  • Jeweils montags, mittwochs und freitags eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

    Jeweils montags, mittwochs und freitags eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

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