Arzt, Manager, Psychologe und Führungspersönlichkeit?

26. Juli 2007, 12:12
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Mediziner begreifen sich oft als Einzelakteure, weiß Management-Coach Steyrer, im Kranken­anstalten­verbund fördert Marhold Teamdenken - eine STANDARD-Diskussion

Das Gesundheitssystem ist ein Milliardenbetrieb. Neben medizinischer Qualifikation ist zunehmend Wirtschaftlichkeit gefordert. Bert Ehgartner bat Krankenanstalten-Chef Wilhelm Marhold und den Management-Coach Johannes Steyrer zur Diskussion. STANDARD: Durch die enormen Kosten des Medizinsystems steigt der Druck auch auf die Ärzte. Muss ein Mediziner heute auch Manager sein?

Steyrer: In den letzten zehn Jahren hat eine enorme Entwicklung stattgefunden. Heute ist es allgemein anerkannt, dass ohne Managementausbildung keine Führungsfunktion im Medizinbereich mehr denkbar ist. Und die Ärzte sind dazu grundsätzlich bereit. Dem Gesundheitssektor ist bewusst, dass die Qualität bei gleich bleibenden Budgets zu halten ist. Und da ist Management gefordert wie nie zuvor. Wenn es in Österreich noch einen Bereich mit enormen Managementdefiziten gibt, dann ist das die Schulbürokratie - aber mit Sicherheit nicht mehr der Gesundheitssektor.

STANDARD: Sie sind sowohl Arzt als auch Manager einer der größten Krankenanstalten Österreichs. Sind Ärzte ausreichend als Führungspersonen ausgebildet?

Marhold: Ärzte beeinflussen die Kosten des Systems enorm. Und die öffentlichen Budgets werden mit Sicherheit nicht so rasch anwachsen wie die Kosten des medizinischen Fortschritts. Deshalb ist es wichtig, dass sich Ärzte bewusst sind, was sie mit ihren Handlungen auslösen.

Ansonsten drohen zwei Extreme: Entweder die Ökonomen setzen Deckelungen durch und damit das System von außen unter enormen Druck - oder die Professoren und Primarärzte winken mit dem Leichentuch und versuchen damit Geld zu erpressen. Entscheidend ist, dass jene, die an den Schrauben drehen, wissen, was sie ökonomisch auslösen. Deshalb müssen wir die Ärzte ins Boot holen und in ihrer Ausbildung bewusst Managementqualitäten fördern.

STANDARD: Die WU bietet für Ärzte Managementausbildung an. Wo liegen, allgemein betrachtet, die Defizite von Medizinern?

Steyrer: Am wichtigsten ist die Vermittlung des Kostenbegriffes und des Controlling-Verständnisses. Ganz zentral ist aber auch Menschenführung, also der Zugang zu Mitarbeitern, das Weiterentwickeln von Fähigkeiten. Hier bestehen Defizite. Auch bei Techniken wie Sitzungsführung, Budgetierung, Jobdesign und Mitarbeiterbeurteilung gibt es Nachholbedarf.

Marhold: Moderne Medizin ist ohne Teamarbeit heute nicht denkbar. Trotzdem brauchen wir eine klare Hierarchie, sonst fahren wir mit dem Schiff gegen die Kaimauer. Angeborenes Leadership ist eben sehr selten. Deshalb ist der Erwerb von Führungsqualitäten bei uns ein eigenständiges Projekt.

Steyrer: Wir haben kürzlich eine Studie gemacht, in der wir die Erwartungen der Mitarbeiter an Führungspersönlichkeiten erhoben haben. Da zeigt sich zunächst einmal kaum ein Unterschied zwischen Medizinberufen und der sonstigen Wirtschaftswelt. An erster Stelle stehen Ehrlichkeit und Integrität. Das sind weltweit in allen Kulturen die gewünschten Haupttugenden. Wenn man allerdings dann fragt, ob die derzeitigen Chefs diese Fähigkeiten erfüllen, so schneidet der Krankenhausbereich schlechter ab. Weniger bei den Ärzten als vielmehr im Pflegebereich.

STANDARD: Hat das auch ökonomische Auswirkungen?

Steyrer: Indirekt. Gut beurteilte Führungskräfte haben Mitarbeiter mit einem signifikant niedrigeren Burnout-Anteil. Zusätzlich fällt die Neigung weg, den Frust an Patienten auszulassen; bei Ärzten genauso wie bei Pflegern.

Marhold: Wir machen die Ausbildung deshalb prinzipiell für Ärzte und Pflegekräfte gemeinsam und interdisziplinär.

Steyrer: Früher war es für Ärzte fast ein Affront, mit dem Pflegepersonal gemeinsam auf einer Schulbank zu sitzen. Das ist heute aber überhaupt kein Thema mehr.

Marhold: Die Pflege hat sich in ihrem emanzipatorischen Prozess, nicht mehr die Diener der Ärzte sein zu wollen, ja ihrerseits stark abgegrenzt. Das war natürlich teamfeindlich und beginnt sich erst in jüngster Zeit wieder aufzulösen.

Steyrer: Es gibt außer dem Volksschulbereich keinen Beruf, der so von Frauen dominiert ist wie die Pflege. Frauen sind klassisch eher mitarbeiterorientiert und kooperativ, Männer eher aufgabenorientiert und tendenziell autoritär. In den Feldstudien zeigt sich, dass in der allgemeinen Wirtschaft dieser Unterschied in der Führungsebene zunehmend verschwimmt - mit der Ausnahme, und das ist spannend, der klassischen Frauenberufe.

Hier legen Frauen, um nicht als Frau stereotypisiert zu werden, atypisch männliche Eigenschaften an den Tag, geben sich also besonders aufgabenorientiert und autoritär. Zudem halten Männer weibliche Vorgesetzte leichter aus als Frauen, die Chefinnen meist besonders kritisch sehen.

STANDARD: Wie gehen Sie mit Menschen in verantwortlichen Positionen um, denen ganz offensichtlich grundlegende Qualitäten fehlen?

Steyrer: Menschen vergleichen ständig ihren Leistungs-Input mit dem Input der anderen. Und manchmal fehlen wirklich die Möglichkeiten, schlechten Leistungsträgern adäquat zu begegnen. Viel zu oft bleibt es ohne Konsequenzen, wenn Ziele nicht erreicht werden. Da werden zahnlos Leute mitgeschleppt, und das ist natürlich doppelt schlecht, wenn es sich dabei um Führungspersonen handelt.

Marhold: Oft bleibt hier kein anderer Ausweg, als Strukturen zu verändern. Durch Reden allein wird man ein alter Mann.

STANDARD: In der Medizin funktioniert die Postenvergabe meist nach den wissenschaftlichen Leistungen, weniger nach Führungsqualitäten. Wie kann man denn beim Zugang vernünftige Schleusen schaffen, um spätere Probleme zu vermeiden?

Steyrer: Über alle Organisationsformen hinweg zeigt sich, dass sich hoher Aufwand in der Personalselektion und bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter bezahlt macht.

Marhold: Wir achten sehr darauf, dass sich die Bewerber für Primarstellen nicht - so wie früher - in erster Linie über ihr Expertentum definieren. Ihr Handwerk müssen sie natürlich bestens beherrschen. Der gruppendynamische Faktor und das Hinterfragen der emotionalen und sozialen Kompetenz wird auch mithilfe eines Psychologen so weit wie möglich geprüft.

Das geht bis hin zur Frage, wie eine Person damit umgeht, wenn ein Problem in der Familie auftritt. Die Persönlichkeit zählt genauso viel wie die Managementfähigkeiten und die berufliche Qualifikation.

STANDARD: Warum sieht man dennoch einen so starken Rückgang der Arbeitszufriedenheit bei Ärzten?

Marhold: Es ist tödlich, wenn man jenen, die mit Engagement ihren Beruf machen, ständig den ökonomischen Druck erhöht und ihnen permanent nur erklärt, sie wären zu teuer. Dieser Fehler wurde speziell in Deutschland gemacht. Und ich unterstelle, dass sie dort heute gerade deshalb ein ziemlich derangiertes Spitalswesen haben.

Steyrer: Man muss aber schon auch sehen, dass die jungen Leute in dieser ersten Phase wirklich ausgebeutet werden. Es braucht eine enorme Anstrengung, da durchzuhalten.

Marhold: Deshalb habe ich mich auch für Qualität der Turnusärzteausbildung stark gemacht. Es wäre eine Riesengefahr, uns diesem Problembereich nicht zu stellen. Das geht so weit, dass ich jedem Primararzt, der sich nicht um die Ausbildung der Jungen kümmert, die Revision auf den Hals hetze. Denn Turnusärzte sind tatsächlich an der Grenze zur Unzufriedenheit, viele schon drüber. Wir müssen uns mit ihnen und ihrer Situation befassen.

STANDARD: Besitzen Menschen, die den Gesundheitsberuf wählen, ein gemeinsames Charakteristikum?

Steyrer: Sie sind enorm leistungsorientiert, möchten Abläufe optimieren und definieren sich am Abend über ihre individuell erbrachte Tagesleistung, also etwa Operationen oder Untersuchungen. Sie nehmen sich als Einzelakteure wahr, in einer Führungsposition geht es aber nicht darum, selbst zu leisten, sondern andere dazu zu bringen, im Team interdisziplinär in einem komplexen Prozess mitzuwirken.

Da haben wir das Problem, dass Leute, die bereits eine lange Laufbahn hinter sich haben und sich auch wissenschaftlich auf Primararzt-Niveau befinden, sehr stark auf ihre individuelle Leistung fokussiert sind. Es ist genau die Herausforderung, dann diesen Leuten zu zeigen, dass es nun in einer Führungsposition um etwas ganz anderes geht.

Marhold: Obwohl sich in diesem Punkt schon etwas zum Positiven verändert hat. Früher wagten es die jungen Ärzte ja gar nicht, den Professor überhaupt anzusprechen. Da hat sich in unserer Gesellschaft schon grundsätzlich gewandelt, und auch am Arztberuf ist diese Entwicklung nicht vorbeigegangen.

STANDARD: Wie steht es denn um die Qualitätssicherung bei der MBA-Ausbildung?

Marhold: Ich habe das bei uns im Haus beinhart zusammengestutzt auf die Ausbildungen, die wirklich gebraucht wird. Zum Glück ist die Marktsituation heute so, dass man sich die beste Ausbildung aussuchen kann.

Steyrer: Es gibt österreichweit zehn Anbieter, die Managementausbildung für Ärzte anbieten. In der nächsten Zeit wird es eine enorme Marktbereinigung geben.
(Bert Ehgartner/MEDSTANDARD/05.03.2007)

Zur Person

Johannes Steyrer (49) studierte Soziologie und Betriebswirtschaft und ist ausgebildeter Psychotherapeut. Seit 1997 ist er Professor an der WU Wien mit den Forschungsschwerpunkten Personalführung und Karriereentwicklung.

Seit 2005 leitet er dort das MBA-Studium "Healthcare Management", das letzte Woche die EQUIS-Akkreditierung, eine internationale Qualitätsauszeichnung, erhalten hat.
Johannes Steyrer ist verheiratet und hat zwei Kinder. (ebe)

Wilhelm Marhold (53) hat Medizin, Publizistik und Politologie studiert und ist seit 1988 als Facharzt für Gynäkologie tätig. Von 1997 bis 2004 war er Direktor und ärztlicher Leiter der Krankenanstalt Rudolfsstiftung.

1999 hat er ein Diplom als Krankenhausmanager an der WU Wien erworben. Seit 2005 ist Marhold Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV).
Er ist verheiratet, hat vier Kinder und einen Enkel und lebt in Wien. (ebe)

  • Johannes Steyrer: "Dem Gesundheitssektor ist bewusst, dass die Qualität bei gleich bleibenden Budgets zu halten ist. Da ist Management gefordert wie nie zuvor."
    foto: standard/urban

    Johannes Steyrer: "Dem Gesundheitssektor ist bewusst, dass die Qualität bei gleich bleibenden Budgets zu halten ist. Da ist Management gefordert wie nie zuvor."

  • Wilhelm Marhold: "Ärzte beeinflussen die Kosten des Systems enorm. Es ist wichtig, dass sich Mediziner bewusst sind, was sie mit ihren Handlungen auslösen."
    foto: standard/urban

    Wilhelm Marhold: "Ärzte beeinflussen die Kosten des Systems enorm. Es ist wichtig, dass sich Mediziner bewusst sind, was sie mit ihren Handlungen auslösen."

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