Christiania, die Mutter aller Hausbesetzer

13. März 2007, 20:31
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Das dänische Vorzeigeprojekt für Autonomie ist heute umstrittener denn je

Kopenhagen - Seit mehr als 30 Jahren gilt die "Freistadt Christiania", wie die Besetzer des ehemaligen Kasernengeländes in Kopenhagen ihr Zuhause gern nennen, als europäisches Vorzeigeprojekt von Autonomie und Unabhängigkeit. Neulich waren sogar der dänische Kronprinz Frederik (37) und Prinzessin Mary (34) da, um einem Konzert der US-Band Red Hot Chili Peppers beizuwohnen. Doch der royale Besuch in der basisdemokratischen Wohnsiedlung täuscht. Das 1971 von Hippies, Aussteigern und Künstlern gegründete Projekt ist heute umstrittener denn je.

Die dänische Regierung ist der Kommune in der Kommune alles andere als wohlgesonnen. Vor allem der legendär freizügig Umgang mit Cannabis innerhalb von Christiania ist der Politik ein Dorn im Auge. Im März 2003 ließen die Behörden die für den Haschisch-Verkauf bekannt gewordene Pusherstreet - auch eine beliebte Touristenattraktion - räumen und über fünfzig Händler verhaften. Nicht ohne Folgen, wie sich bald herausstellte: Ohne die Hauptsensation kamen immer weniger Besucher in die Siedlung.

Im April 2005 schien das offene Verhältnis zu (weichen) Drogen der Freistadt tatsächlich zum Verhängnis zu werden. Vermutlich im Rahmen eines "Dealer-Krieges" schossen unbekannte Täter mit einer Maschinenpistole und zwei Pistolen in eine Menschenmenge. Dabei wurden ein 26-jähriger Mann getötet und fünf weitere Menschen teilweise schwer verletzt. Die maskierten Täter konnten flüchten. Seither verhandelt die Regierung um einen neuen Status von Christiania.

Dennoch konnten die rund 1000 Bewohner der Freistadt bisher ihren Freiraum bewahren. Alle notwendigen Dienste wurden im Laufe der Jahre eingeführt: von der Straßenreinigung über die Post bis hin zu Schulen. Es gibt weder Mietvertrag noch Hauseigentum, sodass jeder eine ganz persönliche Beziehung zu dem von ihm bewohnten Haus unterhält. Auf Konsens hin ausgerichtet, setzt man auf Selbstregulierung hinsichtlich der Lösung von Konflikten. Eine eigene Polizei gibt es nicht, verschiedene Formen von Versammlungen intervenieren im Bedarfsfall und können als "Höchststrafe" den Ausschluss aus der Gemeinschaft beschließen. Viele Christianier arbeiten außerhalb der Siedlung, alle bezahlen ihre Steuern an den dänischen Staat - und zugleich einen Anteil an die eigene Verwaltung.

Leistbare Wohnungen
Doch immer öfter mischt sich der Staat in die geduldete Gemeinschaft ein. Im Vorjahr nahm die Kopenhagener Polizei 105 Personen fest, die sich geweigert hatten, auf dem Gelände illegal aufgestellte Wohnwagen zu verlassen. Dabei wollten die mehrheitlich jungen Leute lediglich darauf aufmerksam machen, dass auf dem konventionellen Wohnungsmarkt der dänischen Hauptstadt wegen explodierender Immobilienpreise kaum noch leistbarer Wohnraum zu bekommen sei. (simo)

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