Ausbalancierte Geschmacksproben

4. März 2007, 19:34
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Das "fine settimana italiano" im Burgtheater-Kasino

Wien - Eine recht hoffnungsfrohe Geschmacksprobe des aktuellen und vor allem jungen italienischen Theaters gab an diesem vergangenen "Wochenende italienischer Dramatik" im Burgtheater-Kasino einen Ausblick auf ein, auch jenseits der Stiefelgrenze, ernst zu nehmendes Schaffen, das sich vom Volkstheater und dem Theater des Wortes und Dialekts nachdenklich weiterentwickelt.

Vier Stücke italienischer Gegenwartsautoren, alle im September beim Festival neuer Dramatik, "Quartieri dell'arte", in Viterbo präsentiert, standen auf dem Programm, unter den Autoren der Globalisierungskritiker und besonders in den 70er-Jahren radikale Linksaktivist (Potere Operaio, Autonomia Organizzata) Antonio Negri sowie der Übersetzer, "Quartieri"-Gründer und dessen künstlerischer Leiter Gian Maria Cervo (Jahrgang 1970).

Träger des Schwerpunktes ist das u. a. eben vom Burgtheater und Cervos Festival gestützte Theaterkollektiv InterText, das sich zwecks Förderung zeitgenössischer Dramatik vor allem um junge und unbekannte Autoren beziehungsweise auch schwer zu übersetzende oder übertragende Stücke bemüht - und damit verbunden um einen auch sprachextern regen theatralen Austausch. Ein Merkmal dieses Programms ist daher die so genannte "kalte" Inszenierung der Stücke, was bedeutet, dass sie in Bezug auf Kostüme und Ausstattung sehr puritanisch gestaltet und somit auch für Auswärtsspiele recht einfach und günstig zu organisieren sind.

Szenische Leichtigkeit

Betont vorteilhaft kann das sein, wenn dem Stück ein passender und Dekorationen entbehrender Text vorangeht - wie "La conversazione", der erste Theatertext der Autorin Linda Ferri, die bisher mit Drehbüchern Aufmerksamkeit erlangte (mit Nanni Moretti: "Das Zimmer meines Sohnes"). Carlo Fineschi inszenierte die "Unterhaltung" einer jungen Frau mit ihrem toten Vater als lockere Parabel, in der vorwurfslos Erziehungsfehler und Abhängigkeitsbeziehung besprochen werden. Eine optimale Balance zwischen szenischer Leichtigkeit und doch diffiziler Auseinandersetzung mit Ängsten gelingt ebenso in Alberto Bassettis "La Gabbia".

Enttäuschend verblieb indes Negris ohnehin eher flacher Widerstandstext "L'uomo piegato" ("Der gebogene Mann"): Etwas nackt stehen die Protagonisten der Resistenza im pathosgefüllten Raum.

Höhepunkt war zweifellos die zweite Fineschi-Inszenierung: Cervos "L'uomo più crudele", ein mitunter kafkaeskes, gelegentlich parodistisch anmutendes Zeitreisespiel um den unsterblichen Protagonisten Voico, der 1470 als Sekretär dem walachischen Herrscher Dracul dient und am Ende als Hausfreund mit Virginia Woolf schäkert. (Isabella Hager / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3.2007)

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