Schönklang bis ins Grab

4. März 2007, 18:32
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Premiere von Jules Massenets "Manon" an der Wiener Staatsoper: solide Inszenierung, profunde Anna Netrebko

In der soliden, konventionellen Inszenierung von Andrei Serban zeigt Anna Netrebko, dass sie eine profunde Sängerdarstellerin ist - und Roberto Alagna, dass er ein guter altmodischer Tenor ist.


Wien - Das Beruhigende an dieser nun schon etwas durch Überpräsenz des Äußerlichen beladenen Karriere ist ja, dass sie immerhin von der Bühne aus ihren Ausgang nahm (Salzburger Festspiele) und immer wieder zwecks prüfender Bestätigung auf die Bühne zurück muss. So wie die Vermarktung von Fußballern letztlich nur funktioniert, wenn sie auf dem Platz eine Weile zumindest meisterlich spielen, so wäre auch Frau Netrebkos kommerzieller Höhenflug letztlich nichts ohne jene Substanz, die sie im "Opernalltag" zu demonstrieren hat.

Der ganze Hype bleibt in der Staatsoper natürlich nicht zu hundert Prozent draußen. Er begehrt Einlass, zweimal wird der unpassende und gescheiterte Versuch gestartet, die Dame des Abends applausmäßig hochleben zu lassen. Eigentlich nur deshalb, weil sie erscheint. Ihr selbst wird man den Missbrauch von Opernauftritten zum Zwecke einer Personalityshow allerdings nicht vorwerfen können - es hätte bei dieser "Manon" sogar durchaus die Möglichkeit gegeben, die eine oder andere Glitzerszene so hinzuinszenieren, dass auch etwas Selbstreferenzielles, gar Ironisches dabei hätte herauskommen können.

Sie dominiert

Doch solches passiert nicht - ist auch nicht nötig. Anna Netrebko dominiert die Inszenierung von Andrei Serban einfach, da die Rolle der Manon eine dominante ist und ihr die Figur der zunächst schüchternen, aber schon da fast kleptomanisch dem Kostbaren zugeneigten jungen Dame, die in Richtung Kloster unterwegs ist, vokal wie angegossen passt. Noch mehr als bei der Salzburger "Traviata" wird hier jener edle Sound bühnenwirksam, jene samtige, dunkle Tönung einer Stimme, die jede musikalische Linie zum Musikcollier werden lässt. Zudem meistert Netrebko Spitzentöne makellos und sicher, auch wenn die Regie sie dabei von galanten Bewunderern hochheben lässt. Da sind dargestellte Figur und ihre Töne von wunderbarer Synchronizität.

So sie es dereinst schaffen sollte, ihr vokales Farbenrepertoire zu erweitern und auch in den Dienst der Darstellung von tragischeren Gefühlvaleurs zu stellen, wird man wirklich nichts mehr zu meckern haben. Im Augenblick ist Netrebko aber eine Art lyrischer Olympia, eine famose Schönklangkünstlerin, der bei Nuancen der Sinn oder die Befähigung fehlen, auch die weniger schönen, weniger angenehmen Aspekte einer Figur gesanglich zu modellieren.

Schöner Tod

An Opernmaßstäben gemessen ist sie natürlich darstellerisch von einer Differenziertheit und Beweglichkeit, die so selten ist wie ihr Timbre. Besonders hier. Vom schüchternen Backfisch zum monroehaften Geschöpf, das in diesem Milieu-Mix aus Reichtum und Männerbegehren badet - dieser Wechsel ist elegant durchgearbeitet und mündet im finalen Akt der Zerknirschung samt Tod. Vor dem längst gefallenen Vorhang.

Das Vor-dem-Vorhang muss sein, denn die Regie will ob des Massenandrangs auf der Bühne Überblick und Klarheit schaffen, indem sie das Geschehen über den Bühnenraum hinauskippen lässt. Wie dieser gute alte Kunstgriff ist auch der Rest von Serbans Arbeit von solider, unaufgeregter, präziser Konventionalität. Die Figuren sind bisweilen grell gezeichnet, da wird auf Tischen getanzt, da sind Priester bestechlich und Nonnen etwas geil. Um dies zu sehen, werden wir in die 30er-Jahre (und in die 50er) entführt, in eine Welt, die gerne Karten spielt und dem Genuss von allem Möglichen nicht abgeneigt ist.

Manon ist da mittendrin. Eine multiple Persönlichkeit, die Liebe sucht, diese bewusst opfert und sie sich wieder aus dem Kloster holt. Reichlich neurotisch.

Der ihr besonders Verfallene, der - nach glücklichen Momenten in der Horizontalen - merkt, dass er wieder alleine ist, sucht sein Heil im Kloster. Roberto Alagna (als Chevalier Des Grieux) ist dort gut aufgehoben, denn er könnte von Netrebko in puncto Gestaltung einiges lernen. Im Kloster beten, das ist offenbar nicht sehr schwer zu spielen. Ansonsten bleibt seine Figur aber eine Tenor-Schablone - die linke Hand für die Freude, die rechte für Trauer ...

Da steht also ein echter, altmodischer Tenor neben Manon, der zunächst nur mit Routine vokale Schwierigkeiten meistert, dann jedoch immer souveräner wird, bis er den Abend glanzvoll zu Ende bringt, da seine Stimme an Klang und Volumen zuzulegen versteht. Da ist Adrian Eröd (als Lescaut) präziser und profilierter unterwegs, vokal stabiler. Solide Ain Anger (als Graf Des Grieux), Herwig Pecoraro (Guillot de Morfontaine), In-Sung Sim (Brétigny), Simina Ivan (Poussette), Sophie Marilley (Javotte) und Juliette Mars (Rosette).

Etwas Stimmung in der Bühnendüsternis schaffen Projektionen. Glitzernde Urbanität ist ebenso dabei wie Wasser und Wald. Wichtiger in puncto Atmosphäre allerdings die Orchestervorgänge: Dirigent Bertrand de Billy sucht das Werk mit Energie anzutreiben. In der Ouvertüre, recht flott genommen, noch recht derb und klangmassig. Später kommen dann Klarheit und Pointiertheit ins Spiel - wiewohl es noch Augenblicke gab, da man gerne mehr von den Sängern gehört hätte. Nach Manon-Tod ging es zum Manon-Applaus. Und Manon war glücklich.


Die Karrieretechnik
Wie man "die Netrebko" wird

Mit dem Mariinsky-Theater hatte sie schon Tourneen absolviert, hatte auch Erfolge in den USA vorzuweisen, aber es mussten die Salzburger Festspiele 2002 kommen, das erste Jahr von Intendant Peter Ruzicka und die "Don Giovanni"-Premiere mit Nikolaus Harnoncourt, damit aus Anna Netrebko die Netrebko wurde.

Dass man sie nicht schon früher entdeckt hatte, ist seltsam. Gute Stimme allein genügte nicht mehr, man muss rollengerecht aussehen, also mitunter gut. Außerdem kriselte es in den 90ern heftig in der CD-Branche, einen Star konnte man gut gebrauchen.

Andererseits: Der Weg zu einem großen Label und damit zu einer weltweiten kostspieligen Vermarktung führt nach wie vor über Erfolge auf wichtigen Bühnen. Die geben auch den Firmen eine gewisse Sicherheit. Der Erfolg war Netrebko, 1971 in Krasnodar (Südrussland) geboren, dann eben in Salzburg als Donna Anna vergönnt, und so nahm das schöne Schicksal erst dort seinen Lauf:

Die Deutsche Grammophon engagierte sie exklusiv und ließ gleich einmal ein schlüpfriges Video drehen - das Management oblag fortan Sängeragent Jeffrey Vanderveen. Tja, und es dauerte nicht lange, da stellte ihr Escada Roben zur Verfügung und Chopard schönen Schmuck.

Der schöne Nebeneffekt: Werbung nutzt auch dem Werbenden! Und der Netrebko bescherten die Spots eine mediale Präsenz auch abseits der Kulturbranche - auch als singende Vertreterin einer Mineralwassermarke kann sie etwa ihre CDs zurzeit indirekt anpreisen. Stress beklagt sie zwar mitunter. Aber wenn sie so gut singt wie in der Staatsoper als Manon, kann er nicht unverkraftbar groß sein. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3.2007)

Vorstellungen: 6., 10., 13., 16., 19. März, jeweils um 19 Uhr
Im TV: 10. März, ORF 2, 19.55
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    Hier regiert noch die Unschuld der ersten Begegnung: Tenor Roberto Alagna (als Chevalier Des Grieux) und Anna Netrebko (als Manon) an der Wiener Staatsoper.

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