AHS: "Außenbezirk heißt Außenseiter"

21. März 2007, 16:30
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Familien aus Transdanubien wollten ihre Kinder in der Innenstadt anmelden - Dort heißt es: Die Kinder wohnen zu weit weg

Wien – Seit Herbst 2005 tingelt Martina Kronthaler durch die Stadt, um eine geeignete AHS für ihre zehnjährige Tochter zu finden. Doch alle Bemühungen waren vergebens, wie sich nun vergangene Woche herausstellte: Das Mädchen wurde sowohl von der Wunschschule als auch von den zwei angegebenen Alternativschulen abgewiesen und weiß nun nicht, wo sie die nächsten acht Schuljahre verbringen wird. Das liegt aber nicht etwa an den Noten, die immer "Sehr Gut" waren, sondern daran, dass die vierköpfige Familie im falschen Stadtteil von Wien lebt – nämlich in Floridsdorf. Die Tochter besucht eine Privatschule in der angrenzenden Donaustadt. In den Bezirken nördlich der Donau, die zu den bevölkerungsreichsten der Bundeshauptstadt gehören, herrscht seit Jahren ein Mangel an AHS-Plätzen.

Urlaub für die Schule
Das war auch der Grund, warum Kronthaler der Empfehlung des Wiener Stadtschulrats und der Schuldirektion folgte und sich gleich nach einer innerstädtischen Schule umsah. "Ich habe mehrmals Urlaub genommen, um Tage der offenen Tür zu besuchen, habe unzählige Homepages angeschaut und Gespräche geführt", erzählt die berufstätige Frau. Die Entscheidung der Tochter wie auch einiger Klassenkameraden fiel bald auf eine Schule im 9. Bezirk. Bloß: Bei zu vielen Anmeldungen werden Kinder, die bereits Geschwister in der Wunsch-AHS haben, bevorzugt, genauso wie solche, die in der Nähe wohnen. Dazu kommt überdies, dass die maximale Anzahl der Schüler in einer Klasse ab dem kommenden Schuljahr auf 25 beschränkt wurde. Die Folge war, dass alle Kinder aus den weit entfernten Bezirken Floridsdorf und Donaustadt abgewiesen wurden. "Außenbezirk heißt Außenseiter", stellt Kronthaler fest. Kinder aus den Randzonen seien doppelt benachteiligt: Sie finden keine Schule in der Wohnumgebung und in anderen Schulen werden sie abgewiesen, eben weil sie zu weit weg wohnen.

Gespräch am Gang

Genau darauf wollte Sonja Scheed, Mutter eines 10-jährigen Sohnes und mit dem gleichen Problem konfrontiert, aufmerksam machen und begab sich zum Wiener Stadtschulrat. Dort durfte sie am Gang einem Mitarbeiter ihr Anliegen vortragen und wurde mit den Worten "auch Kinder müssen lernen, Enttäuschungen zu verkraften" vertröstet, wie sie im STANDARD-Gespräch schilderte. "Wenn man uns gesagt hätte, dass wir in der Innenstadt keine Chance haben, hätten wir unser Kind von vornherein in der Donaustadt angemeldet. Da hätten wir aufgrund der Wohnsitznähe zumindest eine geringe Chance auf einen Platz gehabt", ärgert sich Scheed. "Die Aufnahmekriterien hat das Unterrichtsministerium festgelegt", weist ein Sprecher des Stadtschulrats die Vorwürfe zurück. "Leider können wir die Abgewiesenen aus der Donaustadt nur unglücklich machen." In 25 AHS sei die Klassenhöchstschülerzahl auf 28 Schüler erhöht worden und man werde versuchen, möglichst viele Kinder in den zweit- und drittgereihten Schulen unterzubringen. Bis zu den Osterferien sollen die Eltern über Alternativen informiert werden. Immerhin hätten 92 Prozent von 8663 Wiener AHS-reifen Viertklässlern einen Platz in ihrer Wunschschule bekommen.

"Wir wollen nicht, dass unsere Tochter in irgendeine Schule kommt", hofft Martina Kronthaler weiter, dass ihr Kind in eine ihrer Wunschschulen gehen kann. "Es kann nicht egal sein, welche Neigungen die Schüler haben und wo sie sich wohl fühlen." (Karin Krichmayr; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3.2007)

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