Robin Hood der von der Gedankenpolizei Geknechteten

3. März 2007, 16:58
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Henryk M. Broder war einst ein "Gutmensch", nun hat er die Seite gewechselt und den Ratgeber "Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist" geschrieben

Die Lektüre von "Schöner Denken" ist ein zweifelhaftes Vergnügen.


Konflikte werden in der Regel im Kopf entschieden; genauer gesagt an den unzähligen Synapsen im Sprachzentrum unseres Gehirns. Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf, betrachtet man das merkwürdige Verhalten verfeindeter Parteien vor den eigentlichen Waffengängen. Ein wenig gleicht dieses den Voodoo-Lehren, die vor zwei Jahrhunderten die Philosophen des Idealismus verkündigten. Als bestimme wirklich das Bewusstsein das Sein, verändert man zunächst die Worte; eine neue Wirklichkeit scheint sich dann von ganz alleine zu ergeben. Ein Beispiel: Als die Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Ersten Weltkrieg eintraten, trafen die Bewohner des amerikanischen Festlands eine kriegswichtige Übereinkunft: Sauerkraut, einst eine aparte Gaumenfreude, mitgebracht aus der Alten Welt, solle zukünftig nur noch "Liberty Cabbage" heißen. Mit diesem kleinen Trick wollten die Amerikaner nicht nur die eigene Muttersprache vor dem Zungenschlag der Feinde schützen, zudem konnte man durch Umbenennung das Fremde in das Eigene überführen. Von einer ganz ähnlichen Schrulle wird berichtet, als einige Kritiker Alt-Europas vor Beginn des Irak-Kriegs auf die grandiose Idee kamen, Pommes frites künftig nicht mehr "French Fries", sondern für alle Ewigkeit "Freiheitsfritten" zu taufen. Abspaltungen, Landnahmen und symbolische Siege konnten so bereits entschieden werden, noch bevor die Wirklichkeit überhaupt hinterherhecheln konnte.

Vermutlich wäre damals kein amerikanischer Patriot auf die Idee gekommen, diese Sprachbereinigung als "Tugendterror" zu empfinden. Vielleicht fühlten sich Fortschrittliche bei dieser Praxis an jene Tage erinnert, in denen unsere ohnmächtigen Vorfahren noch Bäume angebetet und Tiere an die Wände von Höhlen gekritzelt haben. Unwahrscheinlich jedoch, dass irgendjemand bei solch eher magischem Schnickschnack eine "Denkpolizei" am Werk gesehen hätte. Das änderte sich erst, als mit dem Aufkommen der sogenannten "Neuen Linken" die Gegner nicht mehr irgendwo im Pazifik oder an der deutschen Nordseeküste saßen, sondern mitten in den amerikanischen Uni-Hörsälen. Seither sieht eine transatlantische Allianz von Robert Kagan bis zu Martin Walser eine Horde Gutmenschen und Tugendterroristen heraufziehen. Mittels so genannter "Political Correctness" – Spätformen von George Orwells "Neusprech" und "Gutdenk"– verdrehen diese unentwegt Worte und Wirklichkeit.

Dabei stand am Anfang die Ironie. Als in den 1980er-Jahren an amerikanischen Hochschulen erste Sprachkodizes entwickelt wurden, die auf das diskriminierende Potenzial in den gängigen Redeweisen aufmerksam machten, war das meist Reflex auf die ideologischen Verbohrtheiten unter einstigen Genossen. Kaum ein Zeitgenosse konnte ernsthaft über Menschen reden, die "horizontally challenged" (dick) oder "cosmetically different" (hässlich) waren, ohne dabei die ideologischen Sprachklemmis aus den Reihen der orthodoxen Marxisten im Hinterkopf zu haben. Später wurde PC auch zu einer Reaktion auf die ausgeklügelten Neologismen in der Ära der Reagonomics. Während man sich im Weißen Haus die Zunge verknotete, bis MX-Raketen endlich mit dem Wort "Peace-Keeper" und nicaraguanische Contras mit "Freiheitskämpfer" namhaft gemacht werden konnten, zimmerten Linke an Begriffen wie "geologische Korrektur" (Erdbeben) oder "erektional begrenzt" (impotent).

Hängen geblieben ist diese allgemeine Verschlenzung der Sprache jedoch vornehmlich an den Babyboomern eben jener Linken. Hier nämlich konnten die aufgeplusterten Wort-Soufflés ideal mit modischen Theorieimporten wie Poststrukturalismus, Sprechakttheorie oder Diskursanalyse serviert werden. So wurde aus dem anfänglichen Spaß allzu oft bitterer Ernst. Es dauerte nicht lange, und Konservative witterten hinter der politisch korrekten Sprachbegradigung nicht ganz zu Unrecht einen "McCarthyismus von Links". Das zunächst verständliche Streben, auf ideologische Verkrustungen und immanente Ressentiments in der Sprache hinzuweisen, begann sich an vielen Stellen selbst ideologisch zu überhitzen.

Vermutlich wäre das alles nur noch eine Marginalie in irgendeiner linguistischen Seminararbeit, hätten nicht 1989 Berliner Mauerspechte damit begonnen, den klassischen Rechts-links-Schutzwall in einer nächtlicher Fleißarbeit abzutragen. Seither scheinen die ideologischen Lager nicht mehr durch Mauer und Stacheldraht, sondern durch Binnen-I und Gender-Crossing getrennt. Manch einer, der mit dem Ende der Ideologien politisch obdachlos geworden war, hat sich mit der Furcht vor "politischer Korrektheit" und dem sogenannten "Mainstream der Gutmenschen" einen neuen Popanz aufbauen können. Viele, die zuvor schon "gegen den Strom" geschwommen sind, "gegen den Zeitgeist" liefen und überhaupt in einer "Gegenkultur" gegen alles waren, fanden sich plötzlich in einer mannigfaltigen Widerstandsgruppe wider den Terror der politischen Korrektheit wieder.

Bis heute hat sich in diesem Lager eine merkwürdige Internationale zusammengeschlossen. Rechtspopulisten wie Heinz-Christian Strache finden sich in ihr ebenso wieder wie der Islamwissenschafter Bassam Tibi, amerikanische Neu-Konservative treffen hier auf Ex-Maoisten wie André Glucksmann. Sie alle eint der Wunsch, der Diktatur der Gutmenschen einmal richtig auf den Zahn zu fühlen. Ganz vorne mit dabei sind seit Jahren auch die Journalisten Henryk M. Broder, Josef Joffe, Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Dieses prominente Schreibquartett verbindet nicht nur der Umstand, dass es sich in weiten Teilen aus geläuterten Neu-Linken rekrutiert; die vier haben jetzt auch zusammen ein Buch unter dem bezeichnenden Titel Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist publiziert. Von A wie "Achtundsechziger" bis Z wie "Zivilgesellschaft" wird darin gegen nahezu alles vom Leder gezogen, von dem Broder und Co meinen, dass es dem gewöhnlichen Gutmenschen heilig sei.

Doch wer ist eigentlich dieser Gutmensch, der als Tugendterrorist verbale Nebelkerzen zündet, während er zumeist keine Moral, sondern allenfalls einen unheilbar Moralischen hat? Würde man dem wachsenden Eifer, mit dem die Kämpfer gegen "Gutsprech" und heilige Kühe gegen ihn zu Felde ziehen, Bedeutung beimessen, man wollte glauben, von Sabine Christiansen bis zu Peter Pelinka wären politische Talkrunden unentwegt mit strickenden Sozialpädagogen, grinsenden Baumkuschlern und sonstigen Zombies aus den 1980er-Jahren besetzt. Statt "Totalitarismus der Mitte" nur mediale Liveschalten zum schwul-lesbischen Straßenfest. Vielleicht ist ein Gutmensch ja einer, der sich darüber aufregen kann, dass in Wirklichkeit in eben diesen Medien "Reizwörter vermieden werden, die ärgerlich sind, wie Klassengesellschaft, Ausbeutung, Profit, Unternehmerstaat". Dann wäre Deutschlands bekanntester Zyniker, Henryk M. Broder, nämlich selbst einmal auf der Seite der "Guten" gewesen. Das war im Jahr 1976, lange bevor der einstige konkret-Autor dann zu den Bessermenschen konvertierte. Damals, als Europas Alt-68er noch ausnahmslos Heimschläfer der großen Revolution waren, schrieb Broder oben zitierten Satz in seinem Buch Die Schere im Kopf. Heute scheint ihm das alles derart peinlich zu sein, dass er wie ein ertappter Pennäler nur betretene Kicherwitze darüber reißen kann. In Schöner Denken jedenfalls, jenem mit Zeit-Herausgeber Josef Joffe und anderen verfassten ABC des Anti-PCs ist unter dem Stichwort "Profit" vermerkt: "Kampfbegriff von Gegnern der Marktwirtschaft, denen ,Gewinn’ zu neutral klingt."

Nun ist der Kopf bekanntlich rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Dennoch muss man bei den eifrigen Anti-Tugendterror-Kämpfern unweigerlich an ein Bonmot des Kulturwissenschafters Diedrich Diederichsen denken. Der meinte bereits vor Jahren, es handle sich bei derartigen Phänomenen um "Bestrafungsfantasien schuldiger Schreibtischtäter." Hier maskiere sich als rebellisch und unerschrocken, was in Wahrheit das Abstrafen der letzten Reste der eigenen ehemaligen politischen Ansprüche darstelle.

Einen Vorteil jedenfalls hat das dümmliche Insistieren darauf, Robin Hood aller von Gedankenpolizisten geknechteten Völker der Welt zu sein: Das seit Jahren immer gleiche Mantra der politischen Sprache macht auf brandneu, Revolutionär und voll verboten. Obwohl längst eine große Koalition aus Wohlmeinenden von rechts bis links auf immer gleiche Weise die immer gleichen Sachzwänge durch die Diskursräume trägt, tun die daran beteiligten Apostel des politisch Unkorrekten so, als gäbe es noch neue Wahrheiten. Diese aber seien derart verpönt, dass man sie öffentlich nicht aussprechen dürfe. Ist ihr Trommelwirbel dann verpufft, folgt die Katastrophe der Phrasen. Dann hört man Neu-Rechte darüber klagen, dass man angeblich nichts gegen israelische Streubomben sagen dürfe, und einstige Linke jammern vor laufenden Kameras über einen Medienmainstream, der Klitorisbeschneidungen als Weltkulturerbe betrachtet. In Kalau dann fallen sich die selbst gekrönten Giordano Brunos in die Arme. Tusch! Das war es!

Mit politischer Korrektheit, so viel sei noch nachgetragen, hat das alles herzlich wenig zu tun. Wer seine Sympathien mit Israel oder mit den Palästinensern vortragen, für oder wider den Klimawandel argumentieren oder das Pro und Kontra des Irakkriegs durchdeklinieren will, der bewegt sich im Raum der politischen Argumente. Richtiger oder falscher Sprachgebrauch spielt hier in der Regel keine Rolle. Es geht also nicht um PC, allenfalls geht es um den PC-Vorwurf. Darauf hat jüngst der Schriftsteller Umberto Eco verwiesen. Ein solcher Vorwurf sei in der politischen Debatte längst zu einem idealen Mittel geworden, Andersdenkende der Lächerlichkeit preiszugeben. Und Lachen ist es, worum es geht. Schließlich zählt bei Sendeschluss längst der gute Witz weit mehr als das bessere Argument. (Ralf Hanselle/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.03.2007)

Zum Autor
Ralf Hanselle
studierte Germanistik und Philosophie und lebt als freier Publizist in Berlin. Er schreibt unter anderem für die "Financial Times" und "Literaturen".
  • Josef Joffe, Dirk Maxeiner, Michael Miersch, Henryk M. Broder:"Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist"€ 15,40/192 Seiten. Piper, München 2007.
    buchcover: piper

    Josef Joffe, Dirk Maxeiner, Michael Miersch, Henryk M. Broder:
    "Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist"
    € 15,40/192 Seiten. Piper, München 2007.

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