Programme aus der Steckdose

13. März 2007, 10:14
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Software, die nicht am PC, sondern im Netz abläuft, ist ein alter Hut. Aber erst jetzt, dank "always on"-Verbindungen und neuer Technik, geht's richtig los.

Seit Langem hat das Konzept von "Software aus der Steckdose" Konjunktur, mal bessere, mal schlechtere. Statt Programme auf dem PC zu installieren, werden sie bei Bedarf online zur Verfügung gestellt. Der Vorteil: keine Programme kaufen, die nur gelegentlich gebraucht werden, und immer die jüngste Version verwenden.

"Application Service Providing"

Aber so richtig kam "Application Service Providing" (ASP) nie in Schwung. Dabei ist so gut wie jeder User damit vertraut: Webmail ist nichts anderes als ein webbasierendes Programm. Jetzt bereiten zwei Umstände den Boden für die weitere Entwicklung auf: Erstens ist schnelles Internet fast immer verfügbar. Und zweitens, unter dem Stichwort Web 2.0 umschrieben, wächst die aktive Nutzung des Internets für die Produktion eigener Inhalte.

Webapplikation

Was liegt für jemanden, der seine Fotos auf Flickr sammelt und herzeigt, näher, als diese Bilder auch online bearbeiten zu können, nicht mehr zwischen Arbeit am PC und Arbeit im Netz zu trennen? Schon jetzt ist Flickr eine Webapplikation, mit der man die Bilder ordnen kann; Ausschnitt wählen, Farbton und Kontrast verändern, rote Augen entfernen ist da nur ein kleiner Schritt.

Große Unternehmen

Für den Softwarehersteller Adobe dennoch ein großer, denn das Unternehmen lebt - wie Microsoft - gut von seinen Produkten (Bildbearbeitung) und Premiere (Videobearbeitung). Erst vor wenigen Tagen hat Adobe, wie berichtet, erstmals ein einfaches Programm zur Videobearbeitung auf der Website Photobucket.com veröffentlicht, Adobe Remix, um Webvideos bearbeiten zu können. In einem halben Jahr, kündigte Adobe-CEO Bruce Chizen in einem Interview mit ZDnet an, werde es auch eine stark vereinfachte Onlineversion seiner Photoshop-Software geben.

Risiken

Der Schritt ist, wie für alle Softwarehersteller, nicht ohne Risiken. Denn mit dem Verkauf ihrer "Boxes" haben sie ein eingespieltes und profitables Geschäftsmodell. Erfahrung mit der Finanzierung von Onlinediensten durch Werbung hat hingegen vor allem ein Gorilla, den derzeit alle ängstlich beäugen: Google. Adobe setzt sich darum auch als Ziel für seine künftige Onlineversion von Photoshop, "besser als Picasa" zu sein, sagt Chizen - das gratis verteilte Google-Programm zur Bildarchivierung und einfacher Bildbearbeitung.

Direkter Angriff

Erst vor Kurzem hat Google, wie berichtet, einen relativ direkten Angriff auf Microsoft und seine Office-Software gestartet: "Google Apps", eine Art Office-Paket, das Onlinesoftware gegen 50 Dollar im Jahr pro Benutzer Unternehmen und großen Organisationen - zum Beispiel Universitäten - zur Verfügung stellt. Die derzeit Online angebotene Software hat zwei Schwächen: einerseits den begrenzten Funktionsumfang (was jedoch viele Benutzer als Erleichterung empfinden, da sie leicht erlernbar ist), und andererseits das Fehlen eines Offline-Programms, wenn es gerade keine Verbindung gibt.

"BuzzWord"

Eine der ersten Textverarbeitungen, die auf beiden Ebenen wesentliche Verbesserungen bringen will, ist "BuzzWord" des Start-ups Virtual Ubiquty. Das (vorerst nur einer kleinen Zahl von Testern zugängliche) Programm soll vieles von dem können, was auch das große Word kann, also auch komplexe Dokumente erstellen und gestalten. Und es stellt seinen Benutzern ein Programm am PC zur Verfügung, um auch ohne Verbindung arbeiten zu können. Der große Vorteil gegenüber einem Desktop-Programm: die leichte Zusammenarbeit mehrerer Benutzer an Dokumenten - und Dokumente durch Online-Speicherung überall greifbar zu haben.

Im Hintergrund spielt auch hier Adobe eine wesentliche Rolle: Denn BuzzWord arbeitet mit Flash und Flex, die zum Adobe-Reich gehören.(Helmut Spudich/DER STANDARD, Printausgabe vom 3.3.2007)

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