Unermüdlicher Renaissancemensch

4. März 2007, 12:00
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Eine neue große Biografie des Universalwissenwollers Leonardo da Vinci, bei der gleich zu Beginn die Kategorie des "Genies" verworfen wird

Buschige, dichte Augenbrauen. Ein tief zerfurchtes Gesicht, umwallt von langen, grauen Haaren und einem struppigen Vollbart. Aber diese Augen! Je länger man sie studiert, desto stärker, intensiver, ja geradezu durchdringend mutet ihr lebendiger Blick an. Das ist das Bild, das eine Porträtzeichnung von Leonardo da Vinci (1452-1519) überlieferte. Denkt man heute an ihn, so folgendermaßen: als verhutzelten, gnomenhaften Mann, in einem studiolo sitzend und Bogen auf Bogen vollschreibend und -zeichnend mit Skizzen und Beschreibungen, die teils neben-, teils ineinander übergehend kosmologische Studien enthalten und Porträts, Landschaften und technische Inventionen, Fluggeräte, Kanalsysteme, Idealstädte und Engel, stupende anatomische Details und rätselhafte Notate in Spiegelschrift, kurz: Erkenntnisse, die seiner Zeit weit voraus waren. Leonardo - das ist der Inbegriff des "uomo universale", des Renaissancemenschen.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Leonardo da Vinci als Universalgenie quasi inthronisiert. Die wissenschaftliche Literatur über ihn mutet schier unüberschaubar an und dürfte eine mittelgroße Bibliothek allein füllen. Zahlreiche intellektuell wie faktisch gewichtige Bücher erschienen über ihn, von Erwin Panofskys Studie über den Codex Huygens (1940) bis zur mehrere Kilo schweren Monumentalmonografie Frank Zöllners von 2003. Und immer wieder auch biografische Darstellungen, manche eher belletristisch angehaucht, andere auf Seriosität bedacht. Der in Italien lebende Engländer Charles Nicholl hat sich für seine eigene Darstellung für Letzteres entschieden - ohne allerdings sein eigenes beträchtliches erzählerisches Talent zu unterdrücken. Denn er versteht es prächtig, Landschaften und Atmosphäre sinnlich zu schildern. Wie es sich für einen Biografen angelsächsischer Schule gehört, hat er sich buchstäblich an Leonardos Fersen geheftet. Er ist alle Orte abgefahren, an denen der Künstler lebte, suchte auf Wanderungen die Standorte, an denen der Künstler gesessen haben muss, um bestimmte Landschaften zu zeichnen. Er besichtigte die Häuser, soweit noch erhalten, in denen Leonardo wohnte, promenierte durch die Stadtviertel, in denen er lebte und arbeitete, beugte sich in Archiven und Bibliotheken über seine Manuskripte und Bücher, stand vor seinen Zeichnungen und Gemälden in vielen Museen. Mit, um es vorwegzunehmen, beeindruckendem Erfolg. Er legt eine sehr lesenswerte, ausgesprochen lesbare Biografie vor, die Maßstäbe setzt.

Gleich zu Anfang verwirft Nicholl vernünftigerweise die unklare, verwirrende Kategorie des "Genies". Und schildert farbenprächtig, wie aus dem unehelich geborenen Leonardo, der die ersten Jahre in einem kleinen Dorf bei seinen Stiefeltern verbrachte, der stolze "omo senza lettere" wurde, der Mann ohne Bildung. Stolz war Leonardo darauf deshalb, weil er den Akzent auf praktische Beobachtung, Anschauung und Untersuchung legte und nicht auf vorgeformte und verformende Bildung. In diversen Notizbüchern und Codices ist überliefert, womit sich der Künstler gleichzeitig beschäftigte, wohin ihn sein Wissensdrang trieb, resultierend in Denunziationen im Vatikanstaat, weil er Leichen seziert und somit gegen herrschende kirchliche Lehren verstoßen hatte.

Die bunte Entourage, die Leonardo zum Teil ein Vierteljahrhundert lang begleitete, wird sehr lebendig geschildert, ebenso die ab- und auftretenden verschiedenen Machthaber der italienischen Stadtstaaten und ihrer Nachbarn, die Medici und die Este, Cesare Borgia, Papst Leo X. und Leonardos letzter Förderer, der französische König François I., die Rivalität mit dem jüngeren, aggressiven Michelangelo, die vielen Gelehrten, Poeten und Humanisten, mit denen er in Verbindung stand. Trotz der relativ spärlichen Überlieferungslage schafft es Nicholl, ein dichtes, überzeugendes Porträt zu zeichnen von Leonardo, der lebenslang mit seiner Homosexualität zu kämpfen hatte, der viele Arbeiten abbrach und unvollendet hinterließ. Dass sich Nicholl vornehmlich auf wenig bekannte Aufzeichnungen von Zeitgenossen stützt, macht den besonderen Reiz dieses schön ausgestatteten Buches aus. Auch seine Bildbeschreibungen sind klug. Dass neue Funde selbstredend nur noch in geringem Ausmaß zu machen sind, mindert zwar nicht die Schlüssigkeit seiner Argumentation, wenn er einen heiligen Hieronymus auf einem Gemälde des Leonardo-Mitarbeiters Giovanni Pietro Rizzoli alias Giampietrino als Porträt Leonardos identifiziert. Es bleibt allerdings kaum mehr als eine Marginalie.

Nur ganz zum Schluss lässt sich Nicholl, der auch Bücher über Christopher Marlowe, Arthur Rimbaud und über die Bildnisse Shakespeares veröffentlichte, etwas zu sehr von der eigenen dramatischen Fantasie fortreißen. Die letzten Jahre im französischen Amboise, das Leonardo hartnäckig "Ambuosa" nannte - er sprach zwar gut Französisch, beharrte aber hartnäckig auf der italianisierten Namensform -, waren gekennzeichnet von letzten theatralischen Repräsentationsaufgaben, von gesundheitlichen Einschränkungen, vermutlich die Folge eines Schlaganfalls, und vom Versuch, Ordnung in seine vielen Aufzeichnungen zu bringen.

Der englische Originaltitel dieses Buches Flights of the Mind betont treffender noch das Ausgreifende. Und ist zugleich leonardesk, weil sprachverliebt. Lässt es sich doch zum einen als "Fluchten des Geistes" übersetzen, zum anderen klingt darin aber auch Flüchten, Fliehen an, der permanente Aufbruch - ein Charakterzug Leonardos, den Nicholl zu Recht stark betont. Dieses Buch ist nicht nur, wie der Untertitel tiefstapelt, "eine Biografie". Vielmehr ist es die große Biografie für unsere Zeit. (Alexander Kluy/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.03.2007)

  • Charles Nicholl, "Leonardo da Vinci. Eine Biographie", Aus dem Englischen von Michael Bischoff. € 20,40/752 Seiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006.
    foto: s. fischer

    Charles Nicholl, "Leonardo da Vinci. Eine Biographie", Aus dem Englischen von Michael Bischoff. € 20,40/752 Seiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006.

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