Das große Fressen

4. März 2007, 17:35
1 Posting

Clemens Berger tischt einen Roman über Wettesser und Tierschützer auf

Rekorde sind immer gut! Sie beleben den Verkauf", ruft 1985 in Peter Roseis 15000 Seelen ein Weltrekordbeglaubiger aus, der seine Umgebung oft als Speisenmetapher wahrnimmt und alles in Trakl-Anwandlung in "Straßen aus schwarzem Obers" münden sieht. Seither entstand eine Gesellschaft, in der man Berühmtheit um jeden Preis sucht, ein Ranking von allem und die öffentliche Ausstellung von jeglichen Privatheiten betreibt.

Derartige Zustände führt nun Clemens Berger so prosaisch vor Augen, dass auf eine Annäherung der Realität an die Groteske geschlossen werden mag. "Dann explodierte er", liest man von einem fürs japanische Fernsehen gefilmten Höchstleistungsversuch, "die Nudeln, die Sauce, alles brach aus ihm heraus, schnelle, starke Stöße, denen Ed keinen Einhalt mehr zu gebieten vermochte. Er hielt sich noch den Finger vor den Mund, hörte Schreie ringsum, Kreischen, die Finger wurden zum Sieb, es spritzte in alle Richtungen."

Die menschlichen Verrücktheiten gehören von jeher, etwa in den Narrenschiff-Erzählungen, zu den Grundthemen der Literatur. "Die Welt ist verrückt, dachte er", so endet der neue Roman von Clemens Berger. Mit Paul Beers Beweis hat der junge Burgenländer 2005 einen gelungenen Erstling vorgelegt, in dessen zentraler Bildszene ein Ritual gestört wird und das Weltwerkel außer Tritt gerät. Mit dem genauen Aufbau, der Ordnung der Erzählstränge, die in verschiedene Milieus führen und sie zusammenführen, hat Berger auch Die Wettesser gestaltet. Der erste Roman spielt zwischen der Fußball-WM 1998 und jener von 2002; der zweite zwischen Weltmeisterschaften des Wettessens am US-Unabhängigkeitstag, Anfangs- und Schlusskapitel setzen gleich ein: "Der Vierte Juli [...] war ein schöner Tag in New York." Nur die Jahreszahl springt weiter, von 2000 auf 2001. Man schreibt die Jahrtausendwende, vor dem Anschlag auf das World Trade Center, und in dieser Welt solch schöner Tage scheint der Wahnsinn Normalität zu sein.

Das Zitat des Internationalen Wettessverbandes "Competitiv eating is among the most diverse, dynamic and demanding sports in history" steht als zweites Motto unter einem Kultur-Barbarei-Satz von Walter Benjamin. Berger tischt eine Sportart auf, die solche Mechanismen und Verhalten zeitigt wie andere Diszi- plinen heute und auf das olympische Programm will: Die Weltrekorde stehen zurzeit der Romanhandlung bei drei Kilo Kohl in neun Minuten, 57 Rinderhirnen in 15 Minuten, zwei Kilo Shrimps in zwölf Minuten ... Beim New Yorker Topereignis verdrückte keiner je so viel wie der Japaner Takeru Kobayashi. Dieser brachte 2006 laut www.ifoce.com 53¼ Hotdogs in zwölf Minuten runter. So gut erfunden die kuriose Körperzüchtigung klingt - sie existiert tatsächlich.

In das Milieu dieser Berserker des Schlingens führt Clemens Berger. Er erzählt Die Wett- esser in drei klug konstruierten Teilen, aus verschiedenen Perspektiven: von Japanern, die ausgerechnet am hohen US-Feiertag in New York triumphieren, folglich als Nudelfresser mit drei Mägen beschimpft werden, und von amerikanischen Verlierern. Ed Krachie, 200 kg, "das Tier", und Charles Hardy, "der Hungrige", ein schwarzer Besserungsoffizier, unterliegen 2000 dem "Hasen" Kazutoyo Arai, der Matratzenverkäufer war und sich nun als Medienstar gefällt.

Gegen die Vertilgungsshow treten junge Tierschützer auf, für die sich die Formel "Sport ist Mord" hier offenbart. In ihrem Fanatismus mögen sie nicht weniger seltsam scheinen. Immerhin lässt Berger auf ihrer Seite eine Liebesgeschichte zu, während die Wettesser allesamt gescheiterte Beziehungen erleben. Bei ihren Auftritten sind sie andere. Eds frühere Lebensgefährtin erkennt: "Er veränderte sich auf diesen Bühnen, im Scheinwerferlicht, wurde laut, ausfällig, grob, selbstverliebt bis zur Besessenheit. Da war ein Unmaß, das sich Mary nicht erklären konnte, ein schwer beschreibbarer Abgrund." Sein Sieg ist es schließlich, dieses Podium hinter sich zu lassen, jener von Charles Hardy, den "Prinzen" Kobayashi, ein dandyhaftes Fressgenie, zum Rekord trainiert zu haben.

Diese Wettesser bleiben trotz allem etwas plakativ, die Aktivisten, die weder Tierisches zu sich nehmen, noch tierische Produkte verwenden wollen, wirken zu lange fast ununterscheidbar blass. Einige ihrer Fragen klingen banal (was man einem Kind mit der Namensgebung antut), einiges malt Berger einfach schwarz-weiß (den Besuch bei den Eltern der schwangeren Tierschützerin), nicht alle Erzählstränge führt er aus. Der Duktus gerät leicht ins Ungelenke, etwa der Partizipialhäufung, so manche Beschreibung ins Oberflächliche der Aufzählung (an den Wänden "allerlei Fotos und Krimskrams").

In Die Wettesser erreicht Clemens Berger weder die sprachliche Dichte noch die narrative Hintergründigkeit von Paul Beer Beweis. Immerhin bietet er interessante und doch gut lesbare Geschichten aus einer Welt, die so verrückt scheint, dass man sich nicht sicher ist, ob die Vorgänge einer bodenlosen Übertreibung oder einer heillosen Realität entspringen. (Klaus Zeyringer/DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.3.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Clemens Berger, "Die Wettesser". Roman. € 19,90 / 182 Seiten. Skarabaeus, Innsbruck 2007.

    Tipp:
    Clemens Berger liest am 2. 3. um 20 Uhr im Offenen Haus Oberwart (Lisztgasse 12) aus dem besprochenen Band. Einführung: Katharina Tiwald.

Share if you care.