"Alles Walzer" im Dreiländereck

10. Oktober 2007, 11:49
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In Nauders am Reschenpass sollen die Gäste nicht nur auf den sondern auch abseits der Skipisten tanzen

Schon einmal beobachtet, wie viele Skifahrer sich vor dem ersten Schwung aufwärmen? Einer von zehn, oder noch weniger? Dabei sollte es eigentlich selbstverständlich sein, denn ein gutes Warm-up erleichtert das Schwingen und schützt vor Unfällen.

Zumindest in Nauders am Reschenpass sollte selbst der typische Aufwärmmuffel den Spaß am Hopsen entdecken. Dafür sorgt der Innsbrucker Tanzschulleiter Ferry Polai, der Ende März für zwei Wochen an den Skiort an der Grenze zu Südtirol zieht, um dort den Skifahrern das Tanzen beizubringen - mit Tanzkursen für Anfänger und Fortgeschrittene während des Tages, die den Gästen als günstiges Kombiangebot mit Halbtags-Skipässen angeboten werden, mit Eröffnungsball und Tanzturnier am Abend und mit einer kostenlosen Aufwärmrunde zu Walzerklängen auf einer neu errichteten Bühne bei der Bergstation Bergkastel auf 2200 Metern.

Der gebürtige Ungar nimmt mit seinem k. & k. Charme auch den Steifbeinigen die Angst vorm Tanzen - und mit Skischuhen schaut niemand elegant auf der Tanzfläche aus. Außer natürlich seine Tochter Julia Polai, eine der weltbesten Tänzerinnen, die dieser Tage versucht, dem angehenden Dancing Star Peter Eppinger Tango und Salsa beizubringen. Allerdings: Wenn sie es schafft und mit dem Ö3-Wecker-Mann weiterkommt, wird sie kaum Zeit für Tanzwochen in Nauders haben.

Mit diesem Programm, einschließlich Eröffnungsball und Turnierabend, versucht Tourismusverbandschef Hannes Sarsteiner die matte Buchungszeit vor Ostern zu beleben. Paare, die auch außerhalb der üblichen Schulferien reisen können, sollen Nauders entdecken oder wiederkehren. Denn die Gemeinde muss wie viele andere kleinere Skiorte um jeden Besucher kämpfen.

Dabei gilt das landschaftlich so reizvolle Dreiländereck von Österreich, Italien und der Schweiz gerade für Familien und gemütliche Skifahrer als Geheimtipp. In Winter kommen die Gäste überwiegend aus Deutschland und den Niederlanden, im Sommer zieht es auch Österreicher, vor allem Wanderer und Biker, zum Reschenpass.

Vom Südtiroler Vinschgau bläst meist ein warmer Föhn zum Pass hinauf und bringt selbst dann Sonne, wenn über dem Rest von Nordtirol die Wolken hängen. Dennoch gibt es dank der Höhenlage (1400 bis 2800 Meter) in normalen Wintern sehr viel Schnee - und heuer haben die vielen Schneekanonen nachgeholfen. Selbst die lange Talabfahrt vom Bergkastel ist die ganze Saison befahrbar und macht auch beim dritten Mal noch Spaß - ebenso wie der Einkehrschwung auf der Lärchenalm, bei der jeden Montagabend die Skilehrer des Ortes eine Show hinlegen.

Seitenwechsel möglich

Wer nach ein paar Tagen am Hausberg von Nauders genug hat, der kann mit Auto oder Skibus auf die Südtiroler Seite wechseln. Dort wartet an der Westseite des Reschensees mit Schöneben ein etwas kleineres Gebiet mit einem hervorragenden Schnee, bis zu 300 Meter breiten Pisten und einer ebenfalls langen, wenn auch nicht allzu anspruchsvollen Talabfahrt. Zumindest für einen halben Tag bietet sich auch die kleine Haideralm in St. Valentin am anderen Ende des Stausees an - alles mit demselben Skipass. Insgesamt stehen 116 Pistenkilometer zur Verfügung - gar nicht schlecht für ein Skigebiet abseits der Massen.

Überhaupt ist die Nähe zu Italien und der Schweiz eine der Hauptattraktionen der Gemeinde am Reschenpass. Langlaufloipen und Routen für Winterwanderer führen über beide Grenzen, Skitouren vom Bergkastel hinunter ins idyllische Südtiroler Langtauferertal. Der Reschensee eignet sich zum Eislaufen - die neue, acht Kilometer lange Eisschnellbahn hatte allerdings in ihrem ersten Winter mit den hohen Temperaturen zu kämpfen. Und ein findiger Bauer züchtet in St. Valentin Lamas, die vor allem von Kindern über stille Wanderwege geführt werden.

Das Wahrzeichen der Region ist der Kirchturm von Graun, der bei der Überflutung des Hochplateaus 1950 durch die römische Regierung als einziger Rest einer romanischen Kirche und einer blühenden Gemeinde mitten im aufgestauten Wasser stehen blieb. Noch heute reden die Südtiroler Bewohner voller Bitterkeit über dieses traumatische Ereignis. In Nauders hingegen diskutieren die Einheimischen über den ungeliebten Zusammenschluss des Tourismusverbandes mit dem restlichen Tiroler Oberland.

Aber auch das muss die Gäste nicht bekümmern, wenn Ferry Polai "Alles Walzer" ruft. (Eric Frey/Der Standard/Printausgabe/ 3./4.3.2007)

  • Die Festung Nauders - letzte Bastion des Dreivierteltakts in Skischuhen.
    tvb tiroler oberland / nauders

    Die Festung Nauders - letzte Bastion des Dreivierteltakts in Skischuhen.

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