Die unmögliche Gegenwart

2. März 2007, 20:01
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Philipp Gehmachers Kammerwerk "like there’s no tomorrow" im Tanzquartier

Wien – Es ist eine Dreiecksgeschichte ohne Plot, ein Stummfilm ohne Film, eine präzise Beobachtung ohne Voyeurismus. Philipp Gehmachers neue Choreografie "like there’s no tomorrow", die gerade im Tanzquartier Wien uraufgeführt wurde, macht klar, warum dieser Künstler zu den Masterminds des Gegenwartstanzes gezählt wird.

Zwei Männer und eine Frau nehmen Aufstellung in einem scharf gestellten Raum, der nur durch darin verteilte Lautsprecherboxen strukturiert wird. Alle Prosa ist abgestellt. Alles, was zum Drama eines Trio Infernal oder dem Ausmalen eines amourösen Triptychons ausapern könnte, ist bereits am Beginn des Stücks Schnee von gestern an.

Wenn Gehmachers Figuren sich in ihre Geschichte hinein abstoßen, wird das Publikum auch daran erinnert, dass es wohl bereits unzählige dieser Dramen gesehen oder gelesen hat. In like there’s no tomorrow kann es die Struktur unter den Dramen erleben: All die in sich stecken bleibenden Anfänge, die unterbrochenen Anläufe, die verzögerten Übergänge. Die im Hals stecken gebliebenen Worte. Die versäumten Momente, die zarten Versuche und Wiederversuche, die verdeckten oder verschämten Andeutungen, die irrigen Ausdeutungen. Die sich unvermittelt und unkontrollierbar verändernden Atmosphären. Das sich der Versehrung Versagen, die ein Geschnittenwerden verursacht, weil der nächste Schritt nicht mehr möglich ist.

Innige Umarmung

Clara Cornil, Rémy Héritier und David Subal zwängen sich souverän aus den schmalen Spalten einer menschlichen Subkommunikation, in der klar wird, was das Alltagsverhalten verbirgt. Nämlich, dass unter innig wirkenden Umarmungen verdeckte Ablehnung stecken kann, dass hinter manch leicht gesetzter Berührung eine tonnenschwere Überwindung verborgen sein kann.

Die Texte in diesem Stück sind aus elf Lautsprechern gesprochene Fragmente, die mit Ang Lee, Derek Jarman und Sam Green zu tun haben. Sie behandeln große Gefühle wie Liebe oder Verlust. In ihrer Choreografie sind diese Zitate formale Kompositionen jenseits von Literatur, die zum Teil an eine Wand projiziert werden und sich als Bild und Sound oder das eine oder das andere in das Geschehen verhaken, ohne es zu illustrieren.

Philipp Gehmacher ist mit diesem Kammerspiel ein Kommentar zum menschlichen Verhalten gelungen, das einen Einblick in dessen Bauweise gestattet – ohne psychologisierende Penetranz, ohne Wertung oder hierarchische Rangordnungsspiele.

In like there’s no tomorrow lässt sich seine Methode so gut lesen, dass diese Arbeit wie ein Schlüssel zu früheren Werken wie "incubator" oder "mountains are mountains" erscheint. Das Publikum applaudierte beeindruckt. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.03.2007)

  • Artikelbild
    foto: tqw/eva würdinger
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