[dag] Unblut

14. März 2007, 16:31
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Über das sogenannte Geiseldrama

Mitte der Woche gab es in Wien ein journalistisches Fressen: ein so genanntes Geiseldrama - immer bereits Drama, ehe eine Geisel auch nur ein Wort darüber gesagt haben könnte -, das sich zu einem Kriminal-Event auf offener Straße auswuchs. ("Event" war einem TV-Moderator herausgerutscht, er entschuldigte sich zwar, aber er hatte im Grunde Recht.)

Sie wissen bestimmt: Der Täter, der mit seiner Spielzeugpistole sieben Opfer "in seine Gewalt gebracht" hatte und nicht aufs Klo gehen durfte, hat sich eine nasse Hose geholt (mit Hinweispfeil auf Seite eins von Österreich schön herausgearbeitet) und hat aufgegeben. Kurzum, das "Geiseldrama" ist zwar feucht, aber "unblutig" zu Ende gegangen. Unblutig: Diese acht Buchstaben ziehen sich wie ein Schleier des quasi in letzter Sekunde hollywoodesk vereitelten Grauens durch die Medienlandschaft. Kein Chronist begnügt sich mit "blutlos", keiner käme auf die Idee, das Drama "blutleer" enden zu lassen. Aber keiner will auf das Blut, das im Schrecken so nahe daran war, geflossen zu sein, verzichten. So erklärt man das Nichts der ausgebliebenen Gewalt zum Unblut und serviert es den medialen Fleischfressern wie ein blutiges Steak. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 3./4.3.2007)

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