Mission Vergnügen

2. März 2007, 19:39
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Tenor Roberto Alagna singt ab Samstag an der Wiener Staatsoper an der Seite von Anna Netrebko in Massenets "Manon": Ein Gespräch über Mailänder Scala und Plattenverträge

Wien – Man will sich Roberto Alagna als glücklichen Zeitgenossen vorstellen. Immerhin, seit Jahren ist er in der ersten Tenorliga erfolgreich, ist mit Angela Gheorghiu, ihres Zeichens Sopranstar, verheiratet und kommerziell – auch ob des öffentlich zelebrierten Ehekunstglücks – erfolgreich. Alagna also – nicht nur, aber auch Teil eines mancherorts gefürchteten Musikduos, das seine Relevanz gerne in Beziehung zur Gagenhöhe setzt.

Soweit das Klischee. Solche Karrieren allerdings, sie wollen am Laufen, die Stimme in Form gehalten werden. Mitunter sind aber üble Umstände im Spiel, und es entflieht das Glück, wie unlängst an der Mailänder Scala, als Alagna wegen Buhs mitten in der Aida-Aufführung salutierte und ging. "Nichts gegen Kritik, aber man hat mich ausgebuht, bevor ich einen Ton gesungen hatte; es war Politik im Spiel! Man hat mich auserwählt, um mit einem Skandal die Unzufriedenheit mit der neuen Intendanz zu demonstrieren."

Vor Gericht

Kam alles wenig überraschend. "Ich hatte allen gesagt, dass es Störungen geben würde, man hatte ja bei mir im Hotel angerufen, hat beim Scala-Eingang auf mich gewartet, mir gedroht! Ich sagte, dass ich unter solchen Bedingungen nicht singen kann, und ich ging also von der Bühne. Ich hatte aber vor, ein Glas Wasser mit Zucker zu trinken und zurückzukehren, und das Auditorium zu fragen, ob es möchte, dass ich weiter singe. Ich bin sicher, es wäre ein Erfolg geworden. Beim Herausgehen stieß ich aber mit meinem Ersatz zusammen. Die Scala hatte alles vorbereitet!"

Wie auch immer. Alagna durfte auch die folgenden Abende nicht singen, "ich war für alle der Teufel, musste mich einen Monat lang zwölf Stunden am Tag rechtfertigen, keiner sprach jedoch über jene Leute, die die Situation ausgelöst hatten! Die Scala ist nun in einer schlechten Position, wir sehen uns vor Gericht!"

Mit Regisseur Franco Zeffirelli, der sich gegen Alagna gestellt hatte, wird er sich nicht einmal mehr vor Gericht treffen. "Ich mache nichts mehr mit dem! Auch die geplante Traviata wird es nicht geben. Er machte mir Komplimente, danach verteufelte er mich. Als er dann merkte, dass es einen Meinungsumschwung zu meinen Gunsten gab, rief er wieder an, und bat mich tränenreich, seine Kritik zu vergessen ..."

Nach der Premiere ist indes vor der Premiere. Nun ist er eben in Wien, singt mit der Netrebko (Alagna: "Sie ist wunderbar!") und hofft auf angenehme Zeiten: "Ich will nur Vergnügen", alles andere sei unerträglich für ihn. "Wenn ich voller Emotionen bin, kann ich nicht singen. Ich war immer schüchtern, muss bis heute gegen mich kämpfen." Dazu passt auch, dass er als Teil einer sizilianischen Künstlerfamilie, die einst nach Frankreich zog, lange nicht mit seinem Traum herausrücken wollte: "Opernsänger, das war mein Geheimwunsch, ich dachte, ich sei nicht gut genug. Mein Onkel, mein Großvater – was für Stimmen waren das! Ich dachte, ich sei der Schlechteste in meiner Familie!" Nun, irgendwann muss er sich vom Gegenteil überzeugt haben. So Zweifel aufkommen, gibt es da mittlerweile auch schöne Zahlen.

"Ich habe im Vorjahr eine Million CDs und DVDs verkauft!" Diesbezüglich hilft auch der Vertrag, den er mit Universal hat, nachdem er die EMI verlassen hatte.

"Ich habe der EMI alle meine Solo-CDs abgekauft, die werden jetzt von Universal vertrieben. Die DVD produziere ich selbst, Universal vertreibt auch sie. Mit dem Vertrag fühle ich mich frei!" Und nicht arm. Wobei der Gagenanteil am Wohlstand vernachlässigbar sei, so Alagna. "Wenn man nichts ausgibt, sind sie relevant. Ich wohne aber in den besten Hotels, habe meine Familie dabei, das kostet, man ist ja für Premieren Wochen vor Ort. Leichter sind da die großen Konzerte, da ist man drei Tage da, viele Leute kommen."

Ein bisschen alles also wie beim Opernball, was die Chancen erhöht, dass man Alagna nächstes Jahr ebendort singen hören könnte – Ioan Holender hat bei ihm zart angefragt. (Ljubiša Tošic /DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.03.2007)

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    In der Staatsoper als Chevalier Des Grieux zu hören – Roberto Alagna (Jahrgang 1963): "Ich habe der EMI alle meine Solo-CDs abgekauft!"

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