"Wir sitzen alle in einem Boot"

8. März 2007, 17:02
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Mit 17 Millionen verkauf­ten CDs gilt Herbert Gröne­meyer als erfolgreichster lebender deutscher Künstler: In Köln stellte der 50-Jährige nun sein neues Album "12" vor

Köln - Es beginnt mit schweren, verhallten Piano- und Gitarrenakkorden. Und auch die schicksalsschwere und sich bald gefährlich in Kipplage begebende japsende und die Konsonanten gern verschluckende Stimme, von der des Öfteren behauptet wird, dass man mit ihr nicht singen könne, weil mit ihr und damit gegen das Böse in der Welt gekämpft werden müsse, weist auf eines hin. Nach fünfjähriger Studiopause muss sich der größte lebende deutsche Künstler, den die einen kumpelhaft Herbert, die anderen ehrfurchtsvoll Grönemeyer nennen, schon wieder Sorgen um uns und den Planeten machen.

Lied 1 – Stück vom Himmel startet hektisch gepresst und von einem alten Zwang für falsche Reime beseelt so: "Warum in seinem Namen – Wir heißen selber auch – Wann stehen wir für unsere Dramen – Er wird zu oft gebraucht – Alles unendlich, unendlich – Welche Armee ist heilig – Du glaubst nicht besser als ich – Die Bibel ist nicht zum Einigeln – Die Erde ist unsere Pflicht – Sie ist freundlich, freundlich, wir eher nicht."

Dann der wie oft bei Herbert Grönemeyer mit verdoppelter Gesangsspur hochgefahrene Refrain, angereichert mit dramatischen Streichern und Orchesterpauken: "Ein Stück vom Himmel – Ein Platz von Gott – Ein Stuhl im Orbit – Wir sitzen alle in einem Boot ..."

Verhaltensunauffällig

17 Millionen Platten hat der 50-jährige Sänger von Anfang der 1980er-Jahre bis heute verkauft. Allein seine letzte Studioarbeit Mensch ging 3,5 Millionen über die Ladentische und gilt als erfolgreichstes deutsches Album aller Zeiten. Die für Ende Mai 2007 angesetzte einmonatige Stadiontournee durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und Südtirol verkaufte bis jetzt sagenhafte 800.000 Karten. Alle Medien zwischen Hamburg an der Elbe und Bruck an der Leitha bemühen sich um "Exklusivinterviews" – und man beginnt wie alle paar Jahre darüber öffentlich zu rätseln, was eigentlich das Faszinosum dieses sowohl privat unscheinbaren als auch künstlerisch weit gehend verhaltensunauffälligen Künstlers ausmacht.

In Köln präsentierte der gute Mensch aus Bochum, der seit mittlerweile neun Jahren anonym und unbelästigt vom Ruhm in seinem Heimatland mit seiner Familie in London lebt, vor einer Hundertschaft ausgesuchter "Medienpartner" die zwölf Songs seines zwölften – und deshalb aus der Not der Vorstellungskraft heraus schlicht 12 betitelten Albums.

Abgespielt wurde es in ebenso vielen Themenräumen eines leer stehenden und an bessere deutsche Wirtschaftsdaten erinnernden Verwaltungsgebäudes. Und ein Rundgang durch dieses Album inklusive einer erwartungsgemäß belanglos dahinplänkelnden Pressekonferenz zeigte neben aller bei Grönemeyer oft ungelenk und wuchtig wirkenden Schwere und im Sinne von erbaulichen Kirchenliedern gehaltenen Durchhalteparolen für den guten Deutschen, für einen aufrechten Gang und für eine moralische Haltung im Zusammenhang mit dem Weltganzen (Stück vom Himmel), auch einen mit zunehmendem Alter (selbst-)-ironischeren Künstler. Der kommt mit seinem Image zusehends besser zurecht: "Ehrlich gesagt, schreibe ich ein neues Album immer nur aus einem Grund, dass ich und die 120 Männer meiner Tour-Crew das ganze Testosteron wieder über die Autobahn schieben können."

Neben heiter gestimmten, zynischen kleinen Marschliedern im Flamencotakt wie Flüsternde Zeit und seiner Fußballmetaphorik ("Der Gegner kommt über rechts ...") wie deutschen Politikschnurren ("Regierungen kommen und gehen – Das Volk muss den Karren ziehn – Ihr habt uns nicht verdient") böllert Grönemeyer mit dreiklangszerlegenden Kraftwerk-Synthesizern und New-Wave-Zickigkeit im Song Kopf Hoch, Tanzen auch wieder zurück in die Zukunft, ins Bochum des Großer-Bruder-Jahres 1984: "Wo sitzt man zwischen den Stühlen –und wieso immer ich? Oho, Kopf hoch, tanzen!"

Neben derlei für ihn nach all den ernsten und inhaltsschweren Jahren beinahe erlösendem Schabernack und gewohnt innig geknödelten Liebesliedern wie Leb In Meiner Welt, in dem die harten deutschen Worte "Apokalypse", "Minenfeld" und "Tiefschneekamerad" auf zärtliche Wallungen und glatten, symphonischen Breitwandrock rumsen, geht es allerdings schon auch um ernste Inhalte. Sein jahrelanges Engagement für die Organisation Deine Stimme Gegen Armut, das ihn 2005 mit Bono und Bob Geldof auch zum Weltbankforum und zum G8-Gipfel führte und es sich zum Ziel macht, die Armut in Afrika bis 2015 um die Hälfte zu senken, schlägt sich selbstverständlich auch in den Liedtexten nieder. Wer gut sein will, muss Hoffnung geben – und Sinn stiften können. (Christian Schachinger aus Köln / DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.03.2007)

Herbert Grönemeyer live in Österreich:
27. 5., Ernst-Happel-Stadion, Wien. 29. 5. SFZ, Unterpremstätten bei Graz.
Groenemeyer.de
  • Volksheld und Nationaldichter  Herbert Grönemeyer 2004 in seinem Element, als Prediger des Guten im Deutschen: "Die Bibel ist nicht zum Einigeln, die Erde ist unsere Pflicht!"
    foto: emi

    Volksheld und Nationaldichter Herbert Grönemeyer 2004 in seinem Element, als Prediger des Guten im Deutschen: "Die Bibel ist nicht zum Einigeln, die Erde ist unsere Pflicht!"

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    foto: emi
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