Geilheit statt Freiheit

2. März 2007, 19:47
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Auch in den Medien dreht sich das Riesenrad der Verluderung weiter

Gleich zweimal hat Heribert Prantl, renommierter Kommentator der Süddeutschen Zeitung, in den vergangenen Tagen über die Pressefreiheit geschrieben. Sein Anlass war das Urteil des Verfassungsgerichts in Karlsruhe, wonach Durchsuchungen von Redaktionsräumen und Privaträumen zwecks Ermittlung eines Informanten unzulässig sind. Genau das war dem Berliner Magazin Cicero passiert. Der Staat wurde geklagt.

Prantl weist historisch darauf hin, dass die Pressefreiheit erst vor 175 Jahren erstritten wurde - als eine Grundbedingung der Demokratie, die ohne dieses Instrument nicht funktionieren könne. Gleichzeitig zeigt er auf neue, parallele Gefahren: auf die Vermischung von Werbung und Journalismus, auf die Verfilzungen zwischen Journalismus auf der einen Seite, Wirtschaft und Politik auf der anderen. Dazu kämen ökonomische Pressionen, die aus Journalisten "Trommelaffen" machen. Im Mittelalter hatten sie eine Trompe- te im Mund, an den Füßen kleine Tschinellen, und mit den Händen spielten sie die Gitarre. Heute tun sie das mit Kamera, Laptop und Handy, um Zeitung, Internet und Fernsehen gleichzeitig zu bedienen.

Gezielte Klein-Bestechung

In der Vergangenheit wurde die Pressefreiheit fast immer durch staatliche Stellen gebrochen oder durch Diktaturen überhaupt abgeschafft. Heutzutage wird sie durch gezielte Klein-Bestechung unterminiert oder durch den Hinweis auf die Quote zum finanziellen Segen der Medienunternehmer so weit geschwächt, dass Journalismus zur Lohnschreiberei mutiert.

In der Magazinwelt und in vielen Gratisblättern ist der Damm längst überschwemmt. Als Bonus für größere Inseratenaufträge erhält man auch redaktionellen Platz, Geschenkannahme ist Politikern und Polizisten verboten, manchen Journalisten, die darüber befinden, nicht.

Die neueste Runde wurde diese Woche in Wien eingeläutet. Ein Journalist ruft (natürlich ohne Wissen der Redaktion - wer glaubt das?) den Geiselnehmer an und führt ein inhaltlich völlig irrelevantes Interview, das auch noch abgedruckt wird.

Natürlich sei das gefährlich, solche Interviews zu führen, bekennt der Herausgeber zwei Tage später. Man müsse sogar Regeln aufstellen, damit das "im Ernstfall" nie mehr passiere. Aber schuld sei die Polizei. Sie habe vergessen, die Telefonleitung zu sperren. Gesperrt war nur das Klo.

Riesenrad der Verluderung

Das nächste Mal setzt die Zeitung eine Wanze ins Zimmer eines Krisenstabs und publiziert die für die Öffentlichkeit geheimen Unterredungen. Der Herausgeber aber beschuldigt den Krisenstab selbst, die Wanze nicht entdeckt zu haben. Endlich müsse es für solche Fälle zwingende Regeln geben. Die Folge: Das Innenministerium schränkt bei Kriminalfällen die Kontakte zur Öffentlichkeit ein. Doch in Wien funktioniert das nicht, weil Polizisten geschmiert werden und Exekutivchefs Schulden bei Bordellbesitzern haben.

So dreht sich das Riesenrad der Verluderung immer weiter. Und wenn dann ein anderer Verleger, der gleichzeitig ein beliebter Insasse von Klatschspalten ist, in der Pressestunde einer Neo-Politikerin lächelnd die gemeinsten Fragen stellt, dann richtet sich das nächste Rufzeichen auf.

Die Geilheit, alles zu tun, um in der Öffentlichkeit aufzufallen und damit auch persönliche Quote zu machen, ist nicht nur ein wirtschaftliches Kalkül der Erfinder des Reality TVs, sondern eine verbreitete Seuche im Publikum. Starmania der "Unterschicht" - wie man neuerdings die sozial Schwächeren wieder umschreibt.

Staatliche Eingriffe freilich würden zu nichts führen. Außer zu Missbräuchen und Zensurgefahren. Wirksame Regelungen können nur die Medien selbst schaffen. Sie müssten sich aber dem Urteil eines Weisenrates fügen und nicht (was zum Tod des Presserates führte), die Sanktionen ignorieren.

An der Nase nehmen müssen sich vor allem jene, die kommerzielle Interessen vor journalistische stellen und die Unterwerfung unter das Quotendenken forcieren. (Gerfried Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 3./4.3.2007)

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