Widerstand gegen Kaczynskis TV-Chef

9. März 2007, 12:06
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Polnische Journalisten verlassen wegen Führungswechsels staatliches Fernsehen

Prominente Journalisten verlassen aus Protest den staatlichen polnischen Fernsehsender TVP, weil der Aufsichtsrat am Montag Präsident Bronislaw Wildstein entlassen und den ehemaligen Leiter der Kanzlei von Staatspräsident Lech Kaczynski auf diesen Posten berufen hat. "Für parteilichen und unprofessionellen Journalismus werde ich mein Gesicht nicht hergeben", erklärte die Moderatorin der Nachrichtensendung "Wiadomosci", Dorota Gawryluk.

Ähnlich äußerte sich der politische Reporter der "Wiadomosci", Jacek Karnowski. "Ich kann mir nicht vorstellen, unter einem Politiker als Chef zu arbeiten", sagte er. Nach Informationen der Tageszeitung Gazeta Wyborcza erwägen weitere Redakteure die Kündigung. Schon jetzt müssten in aller Eile Journalisten aus Lokalredaktionen nach Warschau beordert werden, um die Löcher zu stopfen.

Scharfe Kritik

Neben der scharfen Kritik der Opposition an der Entlassung Wildsteins gibt es inzwischen auch kritische Stimmen in der rechtsnationalen Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit). "Ich habe die Befürchtung, dass der Wechsel keine Veränderung zum Besseren bedeutet", sagte et-wa der PiS-Abgeordnete Kazimierz Ujazdowski in einem Radiointerview und äußerte Zweifel an der Qualifikation des neuen TVP-Chefs.

Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski (PiS), Zwillingsbruder des Präsidenten, hatte indes den Führungswechsel begrüßt. Beobachter halten die kritische Berichterstattung von TVP über den Regierungsbericht zum aufgelösten Militärgeheimdienst WSI in den vergangenen Wochen für den Anlass von Wildsteins Entlassung. Allerdings hatten Vertreter der Regierung, vor allem der kleineren Regierungsparteien, Wildstein schon zuvor scharf kritisiert.

Agentenliste

Wildstein selbst bezeichnete seine Entlassung in mehreren Interviews als "politische Entscheidung". Wildstein war im Jänner 2005 ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, als er eine Liste mit mutmaßlichen Exagenten des Geheimdienstes im kommunistischen Polen im Internet veröffentlichte. Er wollte damit gegen eine mangelnde Aufarbeitung der Vergangenheit protestieren und lag so auf einer Linie mit der PiS. Die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita entließ Wildstein anschließend als Redakteur. (APA, red/DER STANDARD; Printausgabe, 3./4.3.2007)

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