Debatte um europäisches Geschichtsbuch

16. Juli 2007, 11:23
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EU-Bildungsminister diskutierten gemeinsames Geschichtsbuch für Europas Schulen - Muschg: "Fantastische Idee", aber noch "höhere Reife" nötig

Heidelberg - Mit ihrem Vorstoß für ein Europäisches Geschichtsbuch hat die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) beim informellen EU-Bildungsministertreffen in Heidelberg eine heftige Debatte ausgelöst. Auf dem offiziellen Programm des Treffens fehlte das Thema am Donnerstag zwar, doch die Ressortchefs vieler EU-Staaten bezogen engagiert Stellung. Nicht immer nur im Sinne der Gastgeberin.

Gemeinsames Geschichtsbuch

Österreichs Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) hält ein solches Buch "für eine ganz wichtige Sache, weil Kultur auch immer den geschichtlichen Hintergrund braucht". Die Bürger wüssten zu wenig über europäische Geschichte, meint der Belgier Oliver Paasch, der sein Land als Minister der deutschsprachigen Gemeinschaft in Heidelberg vertritt: "Insofern könnte ein gemeinsames Geschichtsbuch da sicherlich einen wertvollen Beitrag leisten."

Europäische Werte

"Ich halte das für eine fantastische Idee", ließ auch der Schriftsteller Adolf Muschg wissen. Schavan hatte den Schweizer Professor nach Heidelberg eingeladen, um das zweitägige Treffen mit einem Beitrag über die "Schule Europa" einzuleiten. Die Ministerin will die Debatte über europäische Werte anfachen. "Wir glauben, dass ein Europäisches Geschichtsbuch ein Weg sein kann, dies zu tun", bekräftigt ihr Sprecher Christian Herbst.

Kritische Stimmen

Doch als Schavan die Buch-Idee vor zwei Wochen in Brüssel erstmals erwähnte, erhoben sich auch kritische Stimmen. In Polen und Großbritannien kam sofort der Verdacht auf, Deutschland wolle die Geschichte umschreiben. In Heidelberg reagierte der britische Minister zunächst abwartend. Sein polnischer Kollege Roman Giertych wurde deutlicher: "Wir glauben nicht an die Möglichkeit." Zu unterschiedlich sei die Geschichtssicht in 27 EU-Staaten.

"Sehr zurückhaltend" äußerte sich der niederländische Vertreter Gérard Maas: "Es passt an sich nicht in die niederländischen Verhältnisse, dass man zentral ein solches Geschichtsbuch schafft." Einige Fragen - etwa nach der verwendeten Sprache - müssten geklärt werden, meinte Luxemburgs Delegationsleiter Nic Alff. Im Grunde sei so ein Buch aber "eine sehr gute Sache", fügte er hinzu. "Wenn die Qualität stimmt, dann wird es auch viel gebraucht werden."

Unterschiedliche Ansichten

Das deutsch-französische Geschichtsbuch wird bereits verwendet. Es trifft, trotz mancher Kritik von Seiten der Historiker, bei Lehrern auf Begeisterung. Und auch Minister, die ein europaweites Projekt ablehnen, entziehen sich der Idee eines binationalen Vorhabens nicht: "Zwischen Polen und Deutschland wäre es denkbar, wenn man inhaltliche Fragen klärt", sagte Vizepremier Giertych, der für die katholisch-nationalistische Familienliga in Polens Regierung sitzt. "In zentralen Fragen" hätten Deutsche und Polen "unterschiedliche Ansichten".

Bei solchen Bedenken dürfte es tatsächlich schwierig werden, die von Schavan zitierten "Werte und gemeinsamen Perspektiven" Europas gemeinsam aufzuschreiben. Im Grunde sei es für das gemeinsame Geschichtsbuch noch zu früh, meinte Muschg: "Das ist ein Projekt, das sicher noch eine höhere Reife der Kulturteilnehmer benötigt." (APA/dpa)

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    Mit dem Vorstoß für ein gemeinsames Geschichtsbuch an Europas Schulen wurde eine Debatte ausgelöst.

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