Stiefelkönig als mögliches Millionengrab

20. März 2007, 11:45
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Das Engagement bei der Schuhhandelskette soll die Bawag in Summe rund 100 Millionen Euro gekostet haben. U-Ausschuss und Banken-Chef Ewald Nowotny wollen prüfen

Wien - Wie andere bankfremde Beteiligungen will die vor der Übernahme durch Cerberus & Konsorten stehende Bawag P.S.K. auch ihre steirische Schuhhandelstocher Stiefelkönig verkaufen. Zuvor könnten die Umstände früherer Bawag-Kreditvergaben an Stiefelkönig aber noch Thema des Banken-Untersuchungsausschusses im Parlament werden. Auch die Bank selber geht dem nun näher nach.

Laut "Format" geht aus bankinternen Dokumenten aus dem Jahr 2001 hervor, dass die eigenen Experten vor einer weiteren Kreditvergabe an Stiefelkönig gewarnt haben. Aber auch das Risiko, dass bei der Handelskette das gesamte Eigenkapital verbraucht sein könnte, habe die Bawag nicht von einer Ausdehnung des Rahmens abgehalten. Der Rahmen habe Ende August 2006 schließlich 84 Mio. Euro betragen, von denen 79 Mio. Euro unbesichert gewesen seien.

Alleine aus Forderungsverzichten und Wertberichtigungen in den Jahren 2003 bis 2006 seien dem Institut Verluste von über 65 Mio. Euro erwachsen. Hinzu kämen noch die operativen Verluste, die die Bawag nach der Übernahme von Stiefelkönig 2003 schlucken musste.

Der amtierende Bankchef Ewald Nowotny kündigte im "Format" an: "Gerade im Lichte der Causa Gerharter werden wir diesen Fall in Hinblick auf eine Schädigung der Bawag genau prüfen müssen".

Was das Besicherungsmanko betrifft, so sieht Nowotny das Erbe seiner Vorgänger gelassen: Bei einer 100-Prozent-Tochter sei die Besicherung ohnehin nur Formsache. "Wir gehen davon aus, dass wir durch den Verkauf von Stiefelkönig keinen weiteren Abschreibungsbedarf haben werden."

Der Grüne Fraktionsführer im Bankenausschuss, Werner Kogler, will jedenfalls im Zuge der Aufklärung der Bawag-Affäre neben den Problemfällen Karibik, Gerharter und Atomic mit der Causa Stiefelkönig eine weitere spezielle Geschäftsbeziehung der Gewerkschaftsbank näher untersuchen. "Man muss sich sicherlich ansehen, ob hier der Bank vorsätzlich Schaden zugefügt worden ist".

Freundschaft mit Elsner

Die vollständige Übernahme der Schuhkette durch die Bawag fiel in die Zeit von Johann Zwettler als Bankchef. Sein Vorgänger Helmut Elsner war mit "Stiefelkönig"-Gründer Manfred Herzl gut befreundet, hatte ihn in den 70er-Jahren als Firmenkunden für die Bawag gewonnen. Das renommierte und gesunde Unternehmen florierte, ehe es ab 1995 durch zu rasche Expansion, hohe Entnahmen und scharfe Konkurrenz in Schieflage geriet.

Unter Elsner unterstützte die Bawag die Kette massiv, auch mit einer immer größeren Ausdehnung des Kreditrahmens. Das laut Magazin überaus "nachsichtige" Verhalten gegenüber den Herzl'schen Finanznöten erreichte Ende 2000 seinen ersten Höhepunkt. Damals habe die Raiffeisen-Landesbank Steiermark, die nach dem Zusammenschluss mit der Steirischen Hypobank für Stiefelkönig rund 250 Mio. S Kreditlinie offenhielt, Herzl ultimativ aufgefordert, sich eine andere Bank zu suchen. Die Bawag, bei der Stiefelkönig bereits mit rund 800 Mio. S in der Kreide stand, gewährte eine Umschuldung. Und das trotz ausdrücklicher Warnung der eigenen Experten - die wegen des schlechten Geschäftsverlaufs darauf hinwiesen, "dass im schlechtesten Fall das gesamte Eigenkapital aufgebraucht wäre", wie "Format" aus den Akten zitiert.

Schuldenberg

Mit Kreditantrag von Ende 2001 sei der Schuldenberg - dank weiterer Erhöhung der Kreditlinie durch die Bawag - auf 1,15 Mrd. S angestiegen, ohne dass sich die Situation der Handelskette nennenswert verbessert hätte. Das dicke Ende sei schließlich 2003 gefolgt, als die Bawag die Gesellschaftsanteile von der Familie Herzl übernahm und Stiefelkönig so vom schwer verschuldeten Kunden zur maroden Bankentochter mutierte.

Die Umstände dieses Vorgangs sollen nun den Bankenausschuss interessieren. Denn nicht nur habe die Familie Herzl im Zuge dieses sogenannten Debt-Equity-Swaps eine Pfandfreistellung auf ihren beträchtlichen Immobilienbesitz bekommen, Familienmitglieder seien auch noch auf Jahre hinaus mit Jobs und Pensionen versorgt worden. "Auffallend" empfindet Banken-Ausschussmitglied Kogler "das äußerst harte Auftreten der Bank im Konkursfall Atomic, verglichen mit dem völlig anderen Stil im Fall Stiefelkönig."

Das Engagement bei der Schuhhandelskette kostete die ehemalige Gewerkschaftsbank in Summe rund 100 Mio. Euro, resümiert das Magazin,

"Die Gesellschaft ist", wie es unter Berufung auf eine Bawag-interne Analyse vom vorigen August heißt, "trotz der 2005 erreichten Fortschritte nach wie vor als Restrukturierungsfall einzustufen." Die Planerreichung Turn-around 2006 sei nur durch bilanzielle Einmaleffekte erreichbar." Auch das positive Bilanzergebnis 2005 sei nur durch einen Einmaleffekt erreicht worden.

Bawag-Präsident: "Kein Problem"

Sorgen, dass für die Bawag beim Stiefelkönig-Verkauf - voraussichtlich erst 2008 - neuer Wertberichtigungsbedarf entsteht, gibt es in der Bank derzeit aber nicht.

Im Bawag -Aufsichtsrat am Donnerstag Nachmittag waren routinemäßig wieder Kreditfälle ein Thema. Stiefelkönig war keines. Stiefelkönig sei zwar "kein Brillant in der Beteiligungsverwaltung", räumte Bawag -Aufsichtsratspräsident Siegfried Sellitsch am Freitag ein. Es gebe aber "kein Problem", betonte er. "Da kommt nichts". Der künftige amerikanische Bawag-Eigentümer Cerberus sei auch über alle Beteiligungsentwicklungen informiert. "Sie erfahren alles". (APA)

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    Aus Bawag-internen Dokumenten soll hervorgehen, dass sogar die eigenen Experten vor einer weiteren Kreditvergabe an das marode Unternehmen gewarnt haben.

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