Hunderte Festnahmen am Wochenende

13. März 2007, 20:31
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650 Demonstranten wurden in Kopenhagen seit Donnerstag festgenommen, viele davon aus dem Ausland

Kopenhagen - Die Räumung eines besetzten Hauses in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen hat am Wochenende neue Krawalle ausgelöst. In der Nacht auf Sonntag lieferten sich Sympathisanten der so genannten Anarchistenszene die dritte Nacht in Folge Straßenschlachten mit der Polizei. Das Ausmaß der Gewalt ging aber zurück, wie die Behörden mitteilten. Seit Beginn der Unruhen am vergangenen Donnerstag wurden bis Sonntagfrüh rund 650 Personen festgenommen, darunter 140 Ausländer. Österreicher dürften nach bisherigen Informationen der Botschaft in Kopenhagen nicht darunter sein.

Die Demonstranten errichteten in der Innenstadt abermals Straßenblockaden aus Müllcontainern und setzten diese in Brand. Auch Autos wurden angezündet. Die heftigsten Krawalle gab es in der Gegend, wo die legendäre Hippie-Kommune Christiania zu Hause ist. Allein dort wurden 30 Personen festgenommen. Insgesamt befanden sich Sonntagfrüh noch 218 Demonstranten in Gewahrsam. Gleichwohl zeigte sich die Polizei zufrieden, dass die Proteste langsam abflauten.

Polizei setzte Tränengas ein

In der Nacht auf Samstag war noch mindestens ein Dutzend Fahrzeuge in Flammen aufgegangen. Die Polizei ging mit Tränengas gegen die Menge vor. Das Feuer griff auch auf einen Kindergarten und ein Wohnhaus über, wurde aber schnell gelöscht. Eine Gruppe Randalierer verschaffte sich Zugang zu einer Schule und warf Sessel, Tische und Computer auf die Straße. Eine Person wurde dabei verletzt.

Die berühmte Statue der kleinen Meerjungfrau wurde unterdessen von oben bis unten mit rosaroter Farbe beschmiert. Ob dies mit den Unruhen im Zusammenhang stand, konnte die Polizei zunächst nicht bestätigen. Die Skulptur war schon oft Angriffsziel für Sprüher, auch wurde ihr mehrfach der Kopf abgeschlagen.

Die schwersten Krawalle in Dänemark seit rund 15 Jahren hatten Donnerstagfrüh begonnen, als eine Anti-Terror-Einheit im Innenstadtviertel Nörrebro das besetzte Gebäude räumte - der Standard berichtet. Das Haus hatte seit den 80er Jahren als autonomes Kulturzentrum „Ungdomshuset“ gedient. Vor Jahren hatte die Stadt das Gebäude an die freikirchliche Sekte „Faderhuset“ (Vaterhaus) verkauft, letztere konnte sich aber nie mit den Autonomen einigen. Im Vorjahr weigerte sich die Sekte, das Haus zu einem ordentlichen Marktpreis an die Besetzer zu verkaufen.

Solidaritätsdemos

Es folgten regelrechte Straßenschlachten, mindestens drei Dutzend Menschen wurden verletzt. In mehreren europäischen Städten gab es Solidaritätskundgebungen für die autonome Szene. Auch in Wien zogen rund 100 bis 120 meist jugendliche Teilnehmer durch die Innenstadt. Bei der dänischen Botschaft wurde ein Farbbeutel geworfen. Ansonsten verlief der Zug laut Polizei friedlich.

Für einen Reporter der dänischen Gratiszeitung Nyhedsavisen ist ein allzu nah am Geschehen geratener Bericht im wahrsten Sinn des Wortes zum Stolperstein geworden. Der gefeuerte Journalist hatte in einer Reportage über die Jugendkrawalle unter anderem beschrieben, wie es sich anfühlt, einen Pflasterstein zu werfen: "Es verlangt Training und nicht zuletzt einen kräftigen Oberarm, um einen platzierten Wurf mit einem frisch ausgehobenen Pflasterstein zu tätigen." Er sei von der Stimmung mitgerissen worden, verantwortete sich der Journalist. Besonders, als er einen Pflasterstein in die rechte Hand gedrückt bekommen und die Anweisung erhalten habe, diesen zu werfen.

Die Redaktion hat inzwischen eine Entschuldigung veröffentlicht. Ob gegen den Journalisten auch strafrechtliche Schritt unternommen werden, steht noch nicht fest.

Der dänische Regierungschef Rasmussen verurteilte die Gewalt. Er bezeichnete es als bedauernswert, dass einige Unruhestifter für Krawalle sorgten. "Wir haben Meinungsfreiheit und es ist schockierend zu sehen, dass Gewalt eingesetzt wird, um auszudrücken, was man denkt", sagte Justizministerin Espersen. (APA, an, simo; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3.2007)

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    Demonstranten in Kopenhagen gerieten am Samstag erneut mit der Polizei aneinander.

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    Gefärbter Protest: die kleine Meerjungfrau in der Couleur von Pink Panther.

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