Beheizte Seen als Pistenalternative

11. März 2007, 18:04
67 Postings

Experten: Die Zeit des Skitourismus neige sich dem Ende zu, Alternativen wie etwa "beheizte Seen" seien dringend gefragt

St. Pölten - Vom Schulskikurs bis hin zum Schranz Karli - Skifahren ist "Teil der österreichischen Identität", weiß der Zukunftsforscher Andreas Reiter. Doch die Zeit der Bretteln im g'führigen Schnee neige sich vor allem in Niederösterreich dem Ende zu: mangels weißer Pisten - und das stelle die Tourismuswirtschaft vor große Herausforderungen, erläuterte Reiter bei der vom Club Niederösterreich und dessen Präsident, Landeshauptmann Erwin Pröll organisierten Fachtagung "Klimawandel und Wintertourismus" am Donnerstag im St. Pöltner Landtagssitzungssaal.

"Der Wintertourismus im Osten Österreich und darüber hinaus wird sich zunehmend auf Sommer- und saisonunabhängige Angebote umstellen müssen", riet Reiter rund 150 Touristikern, Bürgermeistern und Interessierten von dem Rednerpult aus, das sonst für Landespolitiker reserviert ist. Etwa in Gestalt "beheizter Seen", um zahlenden Besuchern im Winter Badefreuden zu ermöglichen.

Oder auch, indem aufgelassene Skigebiete und andere entlegene Täler "zu Chillout-Zonen für eine alternde Gesellschaft" würden: "Sie werden von Lebensversicherern in Form von Alten-Ressorts zum Beispiel für wohlhabende russische oder ukrainische Pensionisten neu bespielt", breitete der Zukunftforscher seine Visionen aus.

Bei der Erwähnung der Swimming-Pool-Seen hatte sich im Publikum leises Gemurmel breitgemacht - wie schon davor auch, als Herbert Formayer, Meteorologe an der Wiener Universität für Bodenkultur, eine klare Prognose stellte: "Wintersport wird bis Ende des Jahrhunderts in Niederösterreich nicht mehr möglich sein", hatte der Wetterexperte zusammengefasst: für die anwesenden niederösterreichischen Wintertouristiker eine mehr als unangenehme Botschaft.

Pisten im Hochgebirge

Die Modelle aber seien eindeutig, erläuterte Formayer: "Der Alpenraum wird von der globalen Erwärmung - die laut optimistischen Szenarien bis zum Jahr 2040 nur zwei Grad plus betragen wird - besonders stark betroffen sein." Unter 1500, vielleicht sogar 2000 Meter Seehöhe werde auch mit Schneekanonen kein tragender Untergrund für den weißen Sport mehr zu machen sein. Vom Semmering abgesehen, gibt es in Niederösterreich kein Skigebiet in einer annähernd so hohen Region.

Auch österreichweit sehe es hier nicht gut aus, ergänzte Simon Gspan von der Edlinger Tourismusberatung in Innsbruck. Von insgesamt 266 Seilbahnunternehmen befinde sich nur rund die Hälfte oberhalb von 1500, nur 20 Prozent oberhalb von 1800 Meter: "Im Vergleich zur Schweiz oder zu Frankreich liegen wir hier arg im Nachteil", sagte der Mann vom Fach.

Dabei - so Gspan - trage der alpine Wintersport den Hauptanteil der derzeit rund 60 Millionen Winternächtigungen und damit einen Gesamtumsatz von 4,8 Milliarden Euro jährlich. Für viele Wirte und Gemeinden sei demnach also in den nächsten Jahren "Rückbau und Umdenken" angesagt. Letzteres etwa, indem man - um in Zukunftsforscher Reiters Worten zu sprechen - "den Klimawandel zum Viagra des lendenlahmen alpinen Sommertourismus macht". (Irene Brickner, DER STANDARD - Printausgabe, 2. März 2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das Klima wird zusehends wärmer - und das wird mittelfristig selbst die Schneekanonen überfordern, warnen Meteorologen und Tourismusexperten.

Share if you care.