Ian McEwan: "Unschuldige"

1. März 2007, 19:32
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Unter der geteilten Stadt: Liebe, Spionage und ein "(un)happy ending" im Berlin zur Zeit des Kalten Krieges

Berlin zur Zeit des Kalten Krieges, Mitte der Fünfzigerjahre: Kaum eine Metropole bietet für dieses Theater bessere Kulissen als die Viersektorenstadt. Ein besonderer Reiz für Berliner ebenso wie für heutige Berlinbesucher ist es immer wieder, die Stadt aus dem Blickwinkel eines Ausländers, vorzugsweise eines Engländers geschildert zu sehen. Das gilt im Fall von John Le Carré ebenso wie für den Film "Das Quiller Memorandum": Die Stadt lebt zwischen Ruinen, die so rasch nicht verschwinden wollen. Die enorme flächenmäßige Ausdehnung bezeichnet Berlins illusorische Größe. Ein Abenteuerspielplatz ohnegleichen zwischen S- und U-Bahn-Netzen und weit entlegenen Stadtteilen tut sich in diesen Romanen auf.

Bei McEwan ist es eine Liebesgeschichte, die ganz nebenbei die Passage eines Spionagethrillers durchlaufen muss, um in ein "(un)happy ending" zu münden. Sie spielt zwischen Kreuzberg, Westend, dem Alexanderplatz, Pankow und dem noch heute seltsamen Berliner Südosten. Das Unwahrscheinliche des Handlungsverlaufs verschwindet in dem Maße, wie man sich auf die sehr unterschiedlichen Milieus und die bizarre Doppelwirklichkeit des Alltags und der alliierten Behördenwelt einlässt.

Da ist Maria, da ist der eher schüchterne englische Fernmeldetechniker Leonard Marnham, ein kleiner Parzival, der ohne eigenes Zutun den amerikanischen Alliierten unterstellt wird – mit für ihn nicht immer angenehmen Begleiterscheinungen. Den Gesetzen der Partnerwahl folgend – Darwins Geist waltet auch in der Literatur – verlieben sich Maria und der jungfräuliche Leonard ineinander. Leonard arbeitet an der Erforschung der sowjetischen Fernmeldeströme. Zu diesem Zweck wurde unter dem operativen Namen "Gold" im Südosten Berlins ein mächtiger Tunnel unter den sowjetischen Fernmeldeleitungen gegraben mit dem Ziel, diese anzuzapfen und auszuwerten.

Das sehr anschaulich geschilderte Liebesleben von Leonard und Maria wird immer wieder infrage gestellt durch schwelende Eifersuchtsmomente. Als Marias Ex-Ehemann den beiden Liebenden in deren Wohnung auflauert, kommt es zu einem entsetzlichen Kampf, über dessen Ausgang hier nur so viel verraten werden soll, dass es in der neueren Literatur wohl kaum eine plastischere Schilderung gibt, wie ein Mann mit zwei schweren Koffern die halbe Stadt durchquert in der Hoffnung, seine unerträgliche Last loszuwerden. Die aberwitzigen Konsequenzen dieses Koffertransports sind es schließlich, die den Tunnel zum Einsturz bringen und die Spionagemission scheitern lassen.

Die blutige Auseinandersetzung mit dem Eindringling und noch mehr die Folgen ihrer Tat hat das Paar auseinandergebracht. Leonard kehrt nach London zurück, Maria verschwindet für lange Jahre spurlos. In einem bewegenden Brief fast dreißig Jahre nach ihrer Trennung erzählt sie Leonard und uns ihre Geschichte. (Hanns Zischler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.3.2007)

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