Das Denken in Klangfarben

1. März 2007, 18:53
posten

Das Lahti Symphony Orchestra und Komponist Kalevi Aho im Musikverein

Wien - Betrachtet man Kalevi Ahos Werkverzeichnis mit seinen vier Opern, 14 Symphonien, zahlreichen Konzerten sowie Kammermusikwerken, so entsteht leicht das Bild eines rückwärtsgewandten Komponisten. Doch so einfach lässt sich das Werk von Finnlands gegenwärtig vielleicht interessantestem Tonschöpfer nicht schubladisieren. Dazu ist es zu komplex, zu doppelbödig.

Für den 1949 im südfinnischen Forsaa Geborenen, der in Helsinki bei Einojuhani Rautavaara und in Berlin bei Boris Blacher studiert hatte, bedeutet Komponieren eine ganze Welt aufzubauen, mit all ihren Widersprüchen und Ungereimtheiten. Die Gattungsbegriffe Symphonie oder Konzert begreift er weniger als formale Schablonen, mehr als inhaltliche Herausforderung.

Ahos Klangsprache ist polystilistisch mit deutlichen tonalen Zentren. Für ihn sei die harmonische Komponente ebenso wichtig wie die musikalische Dramaturgie, rein atonale Musik mache ihn müde, so Aho, dessen tonale Aspekte jedoch nicht mit der traditionellen Dur-Moll-Dualität verwechselt werden dürfen, sondern eher wie Konzentrationspunkte wirken.

Noch wichtiger als der harmonische sei ihm jedoch der melodische Ausdruck. "Mit einer einzigen melodischen Linie kann man so viel ausdrücken. Man muss unglaublich komplizierte Partituren schreiben, um ohne Melodie das Gleiche zu sagen", so Aho, der selbst Violine spielt und für den das kontrapunktische Denken im Vordergrund steht.

Seine Klangsprache ist allerdings alles andere als einfach. Was beim Hören seiner Werke als erstes auffällt, ist der virtuose Umgang mit dem Orchesterapparat. "Ich denke nicht abstrakt, wenn ich komponiere, sondern in den Klangfarben der konkreten Instrumente." Er plane seine Werke nicht im Voraus und schreibe auch keine Skizzen, so Aho, der vielmehr seine Erfahrung und rigorose Selbstkritik einsetzt.

Drei Monate im Jahr - im Sommer - zieht sich Aho, der sich selbst weniger als finnischen dann und mehr als globalen Komponisten mit nordischem Einschlag sieht, in seine Sommerresidenz bei Turku zurück. Ohne fließendes Wasser, dabei in absoluter Ruhe.

"Diese Zeit ist immer sehr wichtig für mich, da ich dort einen idealen Rhythmus zum Schreiben finde." Ein 15-jähriges staatliches Stipendium, das 2009 endet, ermöglicht es ihm, frei zu arbeiten.

Ein wichtiges Anliegen ist Aho, neue Musik nicht nur bei spezialisierten Festivals, sondern auch im breiten Konzertbetrieb zu etablieren. "Komponisten können etwas Wichtiges über unsere gegenwärtige Welt ausdrücken." Auf die Frage, ob ein Entgegenkommen nicht die Gefahr eines musikalischen Populismus in sich birgt, meint Aho, er denke beim Komponieren nicht an das Publikum. Gefährlich sei es jedoch, sich zu isolieren und in einem ästhetischen Elfenbeinturm zu verstecken.

Ob seine Musik politisch sei? Ja, etwa in seinen Opern. Er nennt Aus dem Leben der Insekten, wo die Ursachen von Kriegen thematisiert werden. Oder seine Fünfte Symphonie, wo die Kombination verschiedener Musikstile in einer großen Katastrophe kulminiert. Aho: "Ich möchte Musik schreiben, die unmittelbar mit dem Publikum kommuniziert und den Zugang zu verschütteten Schichten öffnet. Musik muss das ganze Leben ausdrücken." (Robert Spoula / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.3.2007)

Lahti Symphony Orchestra, Musikverein, 19.30 Uhr

Link: www.jeunesse.at

  • Kalevi Aho, Gast aus Finnland: "Komponisten können Wichtiges über unsere Welt ausdrücken."
    foto: standard / newald

    Kalevi Aho, Gast aus Finnland: "Komponisten können Wichtiges über unsere Welt ausdrücken."

Share if you care.