EU-Grundlagenforschung: Schon 3000 Ansuchen

9. März 2007, 16:06
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Forderung nach Mitsprache junger Wissenschafter

Berlin - Anfangs war Deutschland ja eher zögerlich gewesen. Am Mittwoch, in der vormittägigen Plenardiskussion tat Vorstandsvorsitzender Ekkehard D. Schulz von ThyssenKrupp so, als hätte die deutsche Industrie sehnlichst auf die Gründung des Europäischen Forschungsrats gewartet. Und vor allem auch auf jene über sieben Milliarden Euro, die bis 2013 in die Grundlagenforschung investiert werden sollen.

Listig fragte Schulz auch immer wieder: "Und wo sind die Scouts?" So als suchte er nach Talente-Entdeckern, die der Industrie möglichst schnell die richtigen Wissenschafter nennen, die man schließlich erst recht wieder "angewandt" einspannen könne.

Die österreichische Vizepräsidentin des neuen Rats, Helga Nowotny, warnte denn auch vor übertriebenen Hoffnungen: "Wir können die Ergebnisse nicht voraussagen." Man wolle mit individueller Exzellenz beginnen und daraus institutionelle Exzellenz entwickeln.

Derzeit begutachten bereits 200 Wissenschafter rund 3000 individuelle Anträge, die seit dem informellen Arbeitsbeginn des Rates eingegangen sind. Mehrere Redner warnten daher, dass die europäischen Mittel nicht als Ersatz für fehlende nationale oder industrielle Drittmittel gelten sollten. Erst wer über die lokalen Förderungen hinaus Exzellenz beweise, solle auch europäisch finanziert werden. Darüber hinaus verlangte der Rektor der Uni Wien, Georg Winckler, mehr Wettbewerb unter den nationalen Forschungsagenturen zu forcieren.

Andrea Bonaccorsi von der Universität Pisa ersuchte darüber hinaus um erhöhtes Misstrauen gegenüber der Politik. Die könnte nämlich auf die Idee kommen, unter Hinweis auf den neuen europäischen Mitteleinsatz die nationalen Forschungsinvestitionen weniger hoch steigen zu lassen als notwendig.

Der Start des Europäischen Forschungsrates im Rahmen der zweitägigen Berliner Konferenz zeigte auch, dass es trotz vieler gut finanzierter EU-Programme noch kein richtiges Gefühl für einen europäischen Forschungsraum gibt. Die Universitäten selbst seien aufgerufen, europaorientierte Ambitionen zu entwickeln, sagte Bonaccorsi.

Eine deutsche Wissenschafterin schließlich verlangte eine größere Mitsprache der zu fördernden jungen Wissenschafter. Sie sollten von Gutachtern interviewt werden. Einmal Geförderte sollten bei Neuvergaben mitsprechen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. März 2007)

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