Einkaufszentren ufern aus

20. März 2007, 13:28
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Zentrumsnahe Ein­kaufszentren entziehen den Städten immer mehr Kaufkraft. Die Länder prüften laut Rechnungs­hof neue Projekte zu wenig, Regelungen greifen zu kurz

Wien – Der Ausbau von Verkaufsfläche im Einzelhandel verschiebt Umsatzanteile von den traditionellen Händlern zu Einkaufszentren (EKZ). Das gefährdet die Nahversorgung und erhöht die Zahl leer stehender Geschäftslokale in den Orts- und Stadtzentren. Weder Gemeinden noch Länder haben hier bisher entscheidend gegengesteuert. Das belegt ein Bericht des Rechnungshofes (RH), der 2006 dem Finanzministerium vorgelegt wurde. Er hat den Umgang der Länder Kärnten, Oberösterreich, Salzburg und Steiermark mit Einkaufszentren geprüft, und das Ergebnis ist ernüchternd.

Fristen versäumt

Die Steiermark bietet lediglich grobe Steuerungen für die Ansiedlung von EKZ. Folgen der Errichtung wurden nur in Ausnahmefällen umfangreich geprüft. Eingeleitete Nichtigkeitsverfahren wurden eingestellt, etwa weil Fristen durch schleppende Bearbeitung versäumt wurden. Die Aufsichtsbehörde habe man mit bereits fertigen Bauten vor vollendete Tatsachen gestellt. Eine Wirtschaftskammer-Umfrage 2005 ergab, dass es in 100 von 542 steirischen Gemeinden keinen einzigen Nahversorger gibt.

In Kärnten wiesen 1988 alle 132 Gemeinden Nahversorger auf. Bis zum Jahr 2000 halbierte sich die Zahl der vollsortierten Lebensmittelgeschäfte auf rund 500. Ein 2002 novelliertes Gemeindeplanungsgesetz erleichterte einmal mehr den Bau von zentrumsnahen EKZ. Oberösterreich legte stärkeren Fokus auf sichere Nahversorgung. Südlich von Linz gab es aus Sicht des RH dennoch massive Fehlentwicklung.

Insgesamt genehmigte das Land bis Ende 2005 rund 1,33 Quadratmeter Verkaufsfläche je Einwohner. 33 Prozent befanden sich nicht in zentralen Orten. Ähnlich die Entwicklung in Salzburg. Die Zahl der Gemeinden ohne Nahversorger hat sich dort von 1994 bis 2005 auf 18 verdreifacht.

Rekordverdacht in Wien

Rekordverdächtig ist die Situation in Wien. Die Bundeshauptstadt hat bereits jetzt die höchste Dichte an Shoppingzentren in Europa. Und in den kommenden Jahren sind weitere 300.000 Quadratmeter an EKZ-Verkaufsfläche geplant. Auch Frank Stronach ist seinem Plan, ein Stadion und ein EKZ in Rothneusiedl zu bauen, einen Schritt näher. Die Stadt will heute einen Optionenvertrag beschließen, der Magna unter bestimmten Bedingungen den Kauf von Gemeindegrund ermöglicht. Der politische Widerstand gegen das Projekt ist jedoch enorm.

Froh über Investoren

Bisher habe die Politik dem Wildwuchs an EKZ nur wenig entgegengesetzt, sagt Fritz Aichinger, Obmann des Wiener Handels. "Sie hat über Investoren frohlockt, sich verführen lassen." Erst jetzt kehre Vernunft ein – weniger in der Politik als bei Handelsketten. "Viele steigen auf die Bremse. Sie sehen, dass sich die Investitionen nicht mehr rechnen."

Wiens Handelsflächen haben sich seit 1970 auf 1,2 Mio. Quadratmeter mehr als verdreifacht. 26 EKZ buhlen um Kunden. Peter Schaider, Chef von Auhofcenter und Gasometer, sieht keine Auswüchse. Wien habe das durch Flächenwidmung gut im Griff. "Durch weitere Projekte wird die Luft aber dünn." Einige EKZ hätten hohe Leerstandsraten. In vielen Einkaufsstraßen steht oft ein Viertel der Geschäfte leer.

Heißes Eisen wird das Projekt Zentralbahnhof. Der ÖBB schweben 40.000 Quadratmeter an Verkaufsflächen vor, die auch sonntags geöffnet haben. Aichinger: "Das wird es nicht spielen. Die ÖBB müssen Rahmenbedingungen für Bahnhöfe einhalten." Die Flächen gehörten an kleine Einzelhändler vermietet. Schaider räumt ein, dass in nahezu allen EKZ dieselben großen Filialisten sind. Doch kleine Betriebe böten oft wenig Sicherheit. "Bei den Großen weiß man: Das sind Profis, das funktioniert." Schaider beherbergt im Auhofcenter 100 Shops. Ziel sei, das Center in den kommenden sechs Jahren um bis zu 35 Prozent zu erweitern. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.3.2007)

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    Die Politik hat dem Wildwuchs an Centern auf der grünen Wiese wenig entgegengesetzt. Jetzt bremsen Handelsketten die Expansionsfreude.

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