Lieber Sudoku statt Regierungsarithmetik

4. März 2007, 14:59
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Schüssel in der "inneren Emigration"

Wien - Am Montag dieser Woche war das Leben kurz noch einmal so wir früher. Auf dem Morgenflug von Wien nach Berlin traf Wolfgang Schüssel zufällig den ehemaligen finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari, derzeit UNO-Sondervermittler für den Kosovo. Die beiden Spitzenpolitiker plauderten ein wenig über die hohe Diplomatie - eine Leidenschaft, die der Ex-Kanzler in seinem neuen Job als Klubobmann nicht mehr ausleben kann.

Es ist auffällig still geworden um Schüssel, seitdem er ins Parlament übersiedelt ist. Gezählte fünf Presseaussendungen ließ er seit Anfang dieses Jahres verfassen, darunter eine Gratulation und eine Kondolation. Berlin war seine erste Auslandsreise, eingeladen worden war er von der Bertelsmann-Stiftung. In der Regierungskoordination lässt er sich von seinem Klubvize Günter Stummvoll vertreten, der auch schon zwei mal in der "Präsidiale", der Sitzung der Parlamentsführung, einspringen musste. "Er kann eben gut delegieren", nimmt dieser die Tatsache, dass er fast der heimliche Klubchef ist, locker. SP-Klubchef Josef Cap, ätzt:"Schüssel befindet sich schon seit langem in der inneneren Emigration."

Seine Umgebung weiß zu berichten, dass er pünktlich kommt und geht, ausführlich die nationalen, lieber aber noch die internationalen Zeitungen studiert und hin und wieder auch gerne ein Sudoku löst. Im Klub wundern sich schon einige über ihren fast unsichtbar gewordenen Chef. "Er ist nicht sehr kommunikativ", meint ein Untergebener. "Vielleicht will er Wilhelm Molterer nicht die Show stehlen", mutmaßt ein anderer. Bei der Regierungsklausur in Linz wird Schüssel jedenfalls dabei sein. (Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 2. März 2007)

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