Von Trickfilm bis Strickfilm: "Tricky Women"

6. März 2007, 14:01
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Tribute an die Pionierin Vera Neubauer beim Animationsfilmfestival im Wiener Top-Kino

Wien – Alles Strick: Was bei Aardman Animations die Knetmasse, das ist für die Produktionen von Vera Neubauer häufig der Werkstoff Wolle – ob als buntmaschiger Hintergrund oder zu beweglichen Püppchen verarbeitet, liebevoll Detail versessen, überraschend explizit und nicht selten mit bösem Hintersinn.

Die gebürtige Pragerin, die Ende der 60er-Jahre am Royal College of Art in London Film studierte, hat seit den 70er-Jahren mehr als zwei Dutzend Filme gedreht. Fünf davon hat das Festival "Tricky Women" jetzt zum Tribute an eine Pionierin zusammengestellt. Schon die früheste, "Animation for Live-Action" aus dem Jahr 1978, mischt Realfilmszenen mit gezeichneten Episoden (in den späteren kommen besagter Strick und Puppentricksequenzen dazu). Das bindet die fantastischen Welten zunächst deutlicher an eine Alltagsrealität:

Wie viele andere Arbeiten der britischen Künstlerin setzt sich auch "Animation for Live-Action", geschult an Psychoanalyse und feministischer Theorie, mit weiblichen Stereotypen und traditionell vorgegebenen Lebensmodellen auseinander. Ein gezeichnetes Alter Ego erscheint abwechselnd als Produzentin, Betrachterin und Gefangene der Bilder.

Wie in einer Endlosspiegelung wird diese Ebene wiederholt mit dem tatsächlichen Auftauchen (und Eingreifen) der Filmemacherin verkettet. Und selbst in "The Lady of The Lake" (1995) lässt sich das wasserfarbenschwarz-melancholische Märchen über die unglückliche Verbindung einer Meerjungfrau mit einem Menschenmann als Sozialdrama um Depression, häusliche Gewalt und Missbrauch lesen.

Materialmix

Zum anderen macht die gleichwertige Verwendung unterschiedlichster Techniken und Materialien, verbunden durch eine dynamische Montage, Originalmusik oder Erzählerstimmen aus dem Off, Neubauers Filme visuell unglaublich reichhaltig und viel sagend.

Das Hauptprogramm des Festivals steht im Zeichen des aktuellen Animationsfilmschaffens: Im internationalen Wettbewerb werden 56 Arbeiten (von ursprünglich über 400 Einreichungen) vorgestellt. Die Specials setzen sich in diesem Jahr mit Skandinavien, Russland und der Ukraine auseinander. Und auch den "Up & Coming" Austrians ist ein Programm gewidmet. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.3.2007)

Bis 5. 3.
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