"Ein Hilfeschrei des weißen Mannes"

8. März 2007, 17:02
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Der australische Crooner Nick Cave nimmt eine Auszeit von den Bad Seeds und veröffentlicht mit "Grinderman" ein Bluesalbum

Ein Gespräch über Inspirationen aus der Vergangenheit, sein Mitteilungsbedürfnis und die Sache mit der Fleischeslust.


Wien – Nick Cave runzelt die Stirn, und zwar gewaltig. Zwischen den schwarz gefärbten Augenbrauen und dem sich lichtenden, aber ebenfalls beharrlich geschwärzten Haupthaar wellen sich Hautwürste, die sich wie schlecht verlegte Unterputzkabeln abzeichnen.

Rückschlüsse auf das Gespräch ergeben sich daraus nicht. Cave runzelt. Einfach so. Beim Zigarettendrehen, wenn Warren Ellis von den Freuden eines Vollbartträgers bei der Einreise in die USA erzählt, wenn die Wörter "Pussy" und "Blues" fallen, während Denkpausen, oder wenn sein Lachen verebbt. Anlässe zum Lachen gibt es viele. Der Australier hat eine gute Zeit, denn er muss das Interview nicht allein geben. Der Anlass ist nämlich kein neues Album mit seiner Stammformation The Bad Seeds, Cave hat zusammen mit drei der Bad Seeds ein Nebenprojekt namens Grinderman ins Leben gerufen.

Neben Ellis, an diversen Geigen, begleiten ihn Jim Sclavunos am Schlagzeug, und Martyn P. Casey zupft Bass. Casey schweigt während des Gesprächs hinter seinen Sonnenbrillen, Sclavunos entkommen ein paar müde Scherze, während Cave und Ellis wie ein altes Ehepaar quatschen.

Mit Grinderman geht der in London lebende Musiker zurück an seine Anfänge, als er mit Bands wie The Birthday Party Punk mit archaischem Blues und seinen Mythen kreuzte: Die Gitarre ächzt, der Beat ist roh, thematisch steht oftmals die Fleischeslust ("No Pussy Blues", "Go Tell The Women", "Depth Charge Women", das eher peinliche getextete "Love Bomb" ...) und die daran geknüpften Schwierigkeiten im Mittelpunkt.

Grinderman, das wird einhellig bestätigt, ist auch deshalb ein Blues-Projekt. Blues in einer neuzeitlichen Deutung. Dazu stützt die Band ein schon länger kolportiertes Gerücht. Nämlich dass es Cave leid sei, nur alle paar Jahre ein Album veröffentlichen zu können.

Cave: "Das stimmt, ich würde gerne mehr veröffentlichen, nicht nur wenn die Marketingabteilung gerade verfügbar ist. Grinderman war diesbezüglich ein Albtraum, weil ständig etwas in die Quere kam. Aber ich bin demnächst 'fucking 50', und ich habe das Gefühl, dass ich mehr mitzuteilen habe, als alle drei Jahre mit einem Bad-Seeds-Album möglich ist. Das sind deshalb ohnehin schon Doppelalben."

Warren Ellis: "Aber du hast überdies viel gemacht: Soundtracks, Filme ..." Cave: "Für mich fühlt sich das aber nicht so wahnsinnig beschäftigt an. Das ist normale Arbeit." Die Zukunft der Bad Seeds wird Grinderman nicht beeinflussen. Cave: "Ich arbeite gerade an neuen Bad-Seeds-Songs, und wir werden 2007 ein neues Album aufnehmen. Es gab immer Nebenprojekte wie etwa Mick Harveys Alben. Jeder macht nebenbei, was ihm gefällt. Das ist keine Untreue, es ist befruchtend für uns."

Die Gitarre macht sexy

Auf dem titellosen Grinderman-Debüt klingt Cave jedenfalls so erfrischend wie schon lange nicht. Bei aller Wertschätzung – die letzten Alben stagnierten in routinierter und ausladender Schönheit. Ellis: "Nick spielt jetzt erstmals selbst Gitarre. Zuerst wollte er einen Gitarristen buchen, aber ich habe ihm gesagt, dass ich dann nicht zur Verfügung stünde. Es wäre wieder zu sehr in Richtung Bad Seeds gelaufen. Die Idee war, Grinderman schmal zu halten, um die rohe Qualität zu gewährleisten, die der Blues braucht. Außerdem sieht Nick mit Gitarre sehr sexy aus." Die Reliefkarte der Buckligen Welt zeichnet sich auf Caves Stirn ab.

Und – war's so schlimm? Cave: "Gar nicht, aber ich kann nicht wie Neil Young herumsitzen, Gitarre spielen, und nebenbei purzeln ein paar Songs raus. Ich musste mich neu orientieren. Man kann am Klavier keine Rocksongs schreiben, aber nimm eine Gitarre in die Hand, und du spürst den Geist des Rock 'n' Roll in dich fahren. Plötzlich fühlte ich mich wie Sweeney Todd, der sein Rasiermesser hochhält und sagt: 'Nun ist meine Armee komplett.' Har, har!"

Einer der neuen Songs heißt "No Pussy Blues". Wie darf man das verstehen? Cave mit Lachfalten: "Es ist ein Comic-song ..." Ellis: "Das war jetzt ein sehr nervöses Lachen ..." Cave: "Das Stück ist lustig gemeint, gleichzeitig ist das Begehren und seine Enttäuschung ein Grundthema im Blues. In zeitgenössischer schwarzer Musik geht es nur darum, wie groß deine Knarre und dein Auto ist, und wie viel Pussy du bekommst. Wenn man die Videos dazu ansieht ... was da alles in Bewegung ist – der No Pussy Blues ist ein Hilfeschrei des weißen Mannes. Können wir bitte auch was davon haben!?" Ellis: "Ja, gebt uns auch! Das Internet ist uns zu wenig!" Großes Gelächter.

Der Blues zählt für Cave seit den frühen Achtzigern als Inspirationquelle: "Die Idee ist, in die Vergangenheit zu blicken, aber etwas neues daraus abzuleiten. Für Grinderman haben wir viel John Lee Hooker gehört. Wenn man sich ernsthaft mit Blues beschäftigt, kommt man an Hooker nicht vorbei. Aber wenn man das Album hört, wird man nichts erkennen, was es schon einmal genau so gegeben hat. Wir kopieren nichts, wir tanken in der Vergangenheit nur ein Gefühl." (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.3.2007)

"Grinderman" (Mute/EMI) ist ab 2. 3. erhältlich.
  • Nick Cave (im Hintergrund) und seine drei Mitstreiter von Grinderman: "Wir tanken die  Gefühle für unsere Musik in der Vergangenheit."
    foto: emi

    Nick Cave (im Hintergrund) und seine drei Mitstreiter von Grinderman: "Wir tanken die Gefühle für unsere Musik in der Vergangenheit."

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