Kleider und der Frauen Macht

3. März 2007, 17:00
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Die Mode des nächsten Herbst/Winters kleidet die Gender-Diskussion ein - Ein Reise zu den Planeten Androgyn und seinen Trabanten Business-Anzug und Diven-Robe

Ein neuer Feminismus als Ausdruck eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins zieht sich wie ein roter Faden durch die Mailänder Designerkollektionen für Herbst/Winter 2007/08. Schließlich steht am 22. April in Frankreich Ségolène Royal zur Wahl, in Deutschland regiert Angela Merkel als Kanzlerin, und in Amerika sitzt Hillary Clinton bereits in den Startlöchern für den Run aufs Präsidentenamt.

Sogar Donatella Versace äußerte kürzlich in einem Interview, es wäre ihr Traum, Hillary anzuziehen. Mit dem hoch geschlossenen, anthrazitgrauen Kostüm, das ihre Schau eröffnet, könnte er durchaus in Erfüllung gehen. Eine ungewohnte Seriosität hatte den gewohnten Glamour und die Sexyness aus Donatellas Kollektion weggewischt. "Political correct" wirken doppelreihig geknöpfte Mäntelchen trotz Frühlingsfarben wie Hummerrot, Türkis oder Lindgrün, und dekolletierte Kleider aus Wollstretch zeigen zwar Haut und Figur, geben aber keine Geheimnisse preis.

Gianfranco Ferré hingegen scheint der Meinung zu sein, dass Frauen, die männliche Positionen anstreben, auch maskuline Mode wollen. Er schickt zuerst einmal einen jungen Mann ins Rennen im schwarzen Anzug mit weißem Hemd und langen, seidig schimmernden, tizianroten Haaren. Das blonde Mädchen, das ihm folgt, trägt nicht nur die Haare wie er, sondern auch dessen Anzug. Und sie trägt dessen Morgenmantel als lässige Hülle im Kimonoschnitt für den Übergang, adaptiert seinen Motorradblouson samt Cargohosen für die Freizeit und trägt seine Steppjacke als hüftlange Tunika in Eiform über Pulli und schmalen Hosen.

Doch die androgyne Frau im klassischen Männeranzug wirkt heute nicht mehr neu. Schließlich war sie in den achtziger Jahren Giorgio Armanis Antwort auf die feministische Bewegung jener Zeit. Aber ausgerechnet Mailands Primus inter Pares enthält sich nun jeglicher Stellungnahmen. Bei ihm haben Frauen keine Muskeln und auch keine Hosen mehr. Dafür experimentiert er mit sanft gerundeten Rocksilhouetten zu Jacken mit eingeschlagenem Saum oder steif abstehenden Schößchen.

Androgynität heute

Wie Androgynität heute aussehen sollte, sieht man dagegen bei Raf Simons, der für Jil Sander seine dritte und bislang beste Kollektion entwarf. Kurze, lose Jacken oder schlanke Priestermäntel begleiten bei ihm schmale Hosen, wie am Reißbrett gezeichnete Capes bestechen durch reduzierte Weiten. Makellos und in den Proportionen perfekt sind lineare Schnitte, in deren Mittelpunkt biesenähnliche Skalpellfalten stehen. Weiblichkeit fokussiert er auf unbemüht wirkende Jerseykleider mit raffinierten Details in schönen Farben wie Malachitgrün oder Veilchenviolett.

Eine feminin inspirierte Gegenposition dazu zeigt Alberta Ferretti, indem sie die Coutureschnitte der Vergangenheit ins Heute transferiert. Gebauschte Kürbisärmel vermitteln auf diese Weise Mänteln Kokonsilhouetten, kurze Jacken in A-Linie erblühen über Bleistiftröcken zu glockigen Blütenkelchen. Das Spiel mit Weiten und Volumen zeigt auch Cristina Ortiz bei Brioni, wofür sie sich von Claude Montana und den achtziger Jahren inspirieren ließ. Doch ihre Mantelskulpturen geraten ihr zu starr, trotz der schönen, origamihaft gefalteten Kragen und der Kuppelröcke mit dem eleganten Drapé-Schwung, der sie wie eine Rosenknospe aussehen lässt.

Auch Frida Giannini erweist für Gucci der Vergangenheit ihre Referenz, wobei sie sich vom Kino-Glamour der vierziger Jahre verführen lässt. Doch sie weiß, ihn zu inszenieren: Graue Bomberblousons bestechen durch Straußenleder mit Persianerbesatz, glänzende Lackstiefel veredeln englisch karierte Kniebundhosen, goldene Armreifen mit Strass funkeln auf Lederhandschuhen. Und frontdrapierte Abendkleider zeigen Femme-Fatale-Allüre im Stil von Veronica Lake, Hollywood-Sirene der frühen Jahre im Zweiten Weltkrieg, nicht zuletzt durch lange, blonde Loreleywellen, rotlackierte Lippen und verhangenen Katzenblick.

Moderne Weiblichkeit

Damit bleibt es wieder einmal Consuelo Castiglioni überlassen, Modernität und Weiblichkeit mit ihrer Marni-Kollektion in Einklang zu bringen. Großzügige Weiten zügelt sie durch Drapierungen und wie zufällig geraffte Falten, was an Yohji Yamamoto denken lässt. Collagenartig spielt sie mit Farben: Sie kombiniert Pflaume zu Fangobraun und Ultramarinblau und setzt mit Pink und Schwefelgelb Akzente. Lackblenden verleihen Glanz. Technostoffe verfremden Oberflächen, und Fellbesätze erinnern an Seehund oder Bär. Bei Consuelo Castiglioni hat der kalkulierte Zufall durchaus Methode, egal ob er in weiten Männerhosen mit Bundfalten daherkommt oder im Minirock mit schwarzen Strumpfhosen und stählern glänzenden Schuhen mit Keilabsatz.

Doch nicht nur bei ihr liegt die Zukunft der Mode im Zusammenspiel der Materialien. Miuccia Prada geht sogar noch einen Schritt weiter, indem sie ihre hüftlangen Kasack-Oberteile und die geraden Röcke bewusst schmucklos belässt, um den Stoffen gänzlich den Vortritt zu lassen. Und die gaben Rätsel auf: Sind die verfilzten, gerippten Oberflächen aus Cloqué-Strick oder aufgeschäumten Synthetic-Materialien? Ist der Flokati ein ausgebürsteter Persianer oder nur Fake Fur? Und wie kommen die geknautschten Falten als Mittelstreifen ins gewalkte Tuch? Bei Miuccia jedenfalls hat die Zukunft schon begonnen. (Peter Bäldle/Der Standard/rondo/02/03/2007)

  • Kleid von Marni
    foto: designer marni

    Kleid von Marni

  • Modell von Gucci
    foto: designer gucci

    Modell von Gucci

  • Cape von Jil Sander
    foto: jil sander

    Cape von Jil Sander

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