Liebe auf den ersten Tequila

1. März 2007, 18:21
5 Postings

Amy Winehouse im Gespräch anlässlich der Live-Präsentation ihres zweiten Albums "Back to Black"

Die trinkfeste 23-jährige Britin führt darin den naiven Girl- und Soul-Pop der 60er-Jahre mit illusionslosen Texten und derber Bühnenpräsenz in den Rinnstein.


Wenn man Amy Winehouse das erste Mal live auf der Bühne sieht, fühlt man sich akustisch in eine längst untergegangene Ära zurückversetzt. Immerhin fährt bei der Live-Präsentation ihres neuen, zweiten Albums "Back To Black" (Universal) in einem kleinen Club in Berlin eine achtköpfige, aus jungen New Yorker Jazz- und Soulmusikern bestehende Band Sounds auf, die zuletzt in den frühen 60er-Jahren als am Puls der Zeit befindlich verhandelt wurden. Alte Soul-Diven wie Aretha Franklin oder Etta James in ihrer Up-Beat-Phase, aber auch die kommerzieller gedeuteten Technicolor-Produktionen von alten Tragödinnen im Fach des zum Wall-of-Sound hochgefahrenen Mädchen-Pop, wie die Ronettes, stehen bei Winehouse Pate.

Vor allem aber die mit dreiminütigen Jahrhundertdramen des todessehnsüchtigen Pop bekannt gewordenen New Yorker Shangri-Las und ihre Klassiker "Remember (Walkin' In The Sand)", "I Can Never Go Home Anymore", "She Cried" oder "Leader Of The Pack" haben bei der 1983 im Londoner East End in einfache Verhältnisse geborenen Amy Winehouse einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Amy Winehouse Stunden vor ihrem Berliner Konzert im Interview: "Ich befürchte, in mir steckt nicht nur künstlerisch eine 'Drama-Queen'. Nachdem ich vor und während der Arbeit an meinem Debütalbum 'Frank' 2003 in erhebliche persönliche Krisen geschlittert war, war dieses teilweise völlig überzogene Pathos des alten Sixties-Girliepop für mich eine Offenbarung. Es ist ja wohl nicht ganz normal, wenn man sich morgens zu Hause stockbesoffen und paranoid geraucht auf dem Sofa 20-mal hintereinander 'I Can Never Go Home Anymore' anhört und in Selbstmitleid badet. Ich war damals eine selbstmitleidige, weinerliche Schlampe."

Das auf Frank zumindest musikalisch im Gegensatz zur heutigen Popschärfe mit gefälligem und etwas laschem Soul- und TripHop-Sound damals verhandelte Ende einer mehrjährigen Beziehung, von der heute noch auf ihrem Brustansatz das etwas glücklose Tattoo "Blake“" Zeugnis ablegt (von den danach noch hinzugekommenen Fernfahrer-Tätowationen nackter Frauen und Hufeisen ganz zu schweigen), zeugt immerhin von großzügig veranschlagter Leidensbereitschaft bezüglich Liebe – und den Folgen daraus. Wie jetzt ihre aktuelle und daheim in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit gewordene Trauerarbeit in Gestalt der Single Rehab belegt, wurde trotz Anratens ihrer Familie allerdings nicht in eine 70-tägige Entziehungskur investiert. Mit allein in Großbritannien verkauften 250.000 Stück ihrer "Frank"-CD immerhin kein finanzielles Problem. Winehouse sagte lieber dem exzessiven Konsum von Rauchwaren und bewusstseinsverändernden Drogen Goodbye und konsultierte fortan, so wie einst Dean Martin, ausschließlich ihren Barkeeper: "They tried to make me go to rehab, I said no, no, no!"

Amy Winehouse dazu: "Das mit dem Saufen ist natürlich ein Problem – und ich hasse es, wenn ich mit Blackouts und blauen Flecken aufwache und dann Anrufe von Freunden bekomme, was für ein Arsch ich gestern Nacht wieder gewesen sei. Andererseits kann ich dank meiner exzessiven Ader relativ ungefiltert auf meine Songs zugehen. Vielleicht ist es ja auch die eigentliche Qualität meiner Musik, dass die Texte eins zu eins meine Lebensumstände abbilden. Ich habe auch wenig Bedenken oder Angst davor, wenn ich ohne Rücksicht auf Verluste meine Meinung sage. Danke für die Hilfsangebote, aber ich komme schon allein zurecht! He, das bin ich, die da singt!"

Mit dem in New York lebenden Produzenten Mark Ronson (Christina Aguilera, Robbie Williams, Lily Allen ...) sind so illusionslose und vor allem gegenüber den Originalen aus den 60er-Jahren scharfe, gnadenlose Songbekenntnisse wie "You Know I’m No Good", "Me & Mr. Jones", "Love Is A Losing Game" oder das Titelstück "Back In Black" entstanden. Deren Faszination erschließt sich gerade auch über eine während zahlloser Sperrstunden gegerbte, tiefe, rauchige Stimme und eine derbe Bühnenpräsenz.

Winehouse: "Es wäre ja wohl mehr als blauäugig, die Naivität der Sixties im Sinne von Kylie Minogue und 'I should be so lucky in love' nachstellen zu wollen." Liebe Leute, wir schreiben das Jahr 2007. Liebe auf den ersten Blick? Liebe auf den ersten Tequila! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.3.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.