Oper grollt "Bühne" wegen Netrebko-Interview

9. März 2007, 12:06
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Plattenfirma wirft "Bühne" Fälschung vor - Staatsoper distanziert sich von Magazin - Verlagsführung prüft journalistische Sorgfalt und überlegt Konsequenzen

Die Wiener Staatsoper teilte Donnerstag mit, ihre rund 12.000 Abonnenten erhielten die Kulturzeitschrift "Bühne" nicht mehr. Sie "distanziert sich vom Großteil der Berichterstattung" in der aktuellen Ausgabe. In der Coverstory setzt sich Chefredakteurin Elisabeth Hirschmann auch kritisch mit der Vermarktung von Anna Netrebko auseinander. Der Sprecher von Universal Music bezeichnet das "Bühne"-Interview mit Netrebko als "Fälschung".

Dies wies "Bühne"-Chefredakteurin Elisabeth Hirschmann-Altzinger auf STANDARD-Anfrage zurück: Der Firmensprecher sei bei dem Gespräch mit Netrebko (schon im April 2006) dabei gewesen und habe selbst Antworten auf Hirschmanns aktuelle Zusatzfragen zu "Manon" per Mail organisiert.

News-Boss Oliver Voigt, selbst großer Netrebko-Fan, ließ dazu verlauten: "Wir bedauern außerordentlich, dass die Cover-Geschichte über die große Opern-Sängerin, Anna Netrebko, zu Dissonanzen geführt hat. Der gesamte Vorgang wird auf die Einhaltung der journalistischen Sorgsamkeitspflicht hin überprüft. Falls sich die Vorwürfe von Universal Music bestätigen sollten, wird die Verlagsgruppe die entsprechenden Konsequenzen ziehen."

Kritischer Artikel über Netrebko-Hype

In der Coverstory über Netrebko heißt es, "man fragt sich gelegentlich, ob der Medienrummel, der sich an ihrer Person vor viereinhalb Jahren entzündet hat, nicht übertrieben ist". Netrebko werde "zu Unrecht mit Maria Callas verglichen", ihrer Stimme "mangelt es an Farbenreichtum und Modulationsfähigkeit", ihre Koloraturen "werden absolviert, als handelte es sich um Tonleiterübungen", heißt es weiter.

"Poppige, singende Sexbombe"

Auch die Vermarktungsstrategie von Netrebkos Management und Plattenfirma wird thematisiert. Netrebkos Erfolg werde durch "geschäftstüchtige Manager" "ausgeschlachtet", "allen voran den mächtigen amerikanischen Sängeragenten Jeffrey Vanderveen". Und die Plattenfirma Deutsche Grammophon habe Netrebko als "poppige, singende Sexbombe auf Promotion-Tours durch die ganze Welt geschickt".

Hirschmann-Altzinger bezeichnet die von ihr gezeichnete Story als "sehr schöne Covergeschichte" und "richtigen Artikel", in dem ebenso steht, dass Netrebko eine "sehr gute Sängerin und Schauspielerin und sehr schön ist". "Dass man jedoch gewisse Punkte ihrer Vermarktung, über die sie selber nicht glücklich ist - wie sie mir selbst gesagt hat -, in Frage stellen kann, steht der 'Bühne' glaube ich zu."

Viele Termine, viel Geld

Netrebko selbst äußert sich in dem umstrittenen Interview zu ihren Hallen-Auftritten vor tausenden Leuten u. a. in der Wiener Stadthalle. "Die Konzertveranstalter wollen ja sehr viele Termine, weil man da wirklich viel Geld machen kann", so die österreichische und russische Staatsbürgerin. Sie jedoch "singe nicht gern in großen Hallen". Die Wiener Stadthalle sei "kein schöner Ort, aber es passen Tausende Leute hinein".

Die "Bühne" hat einen Vertrag mit dem Wiener Bühnenverein, nach dem Abonnenten der Mitgliedshäuser das Magazin zugeschickt wird. Hirschmann-Altzinger will nun mit dem Präsidenten des Bühnenvereins, dem Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien Franz Häußler, und Staatsopern-Direktor Ioan Holender Gespräche führen. (fid/APA/DER STANDARD; Printausgabe, 2.3.2007)

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    Netrebko eine "poppige, singende Sexbombe"?

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